Politainment, diesmal in grün. Oder: Von Maria Vassilakou zu Henry Kissinger

Die Wiener Grünen plakatieren derzeit ein äußerst großes Plakat an prominenter Stelle neben Wiener Naschmarkt und APA. Darauf abgeildet die Wiener Vizebürgermeisterin, an die Wand geklebt und mehr oder minder bewegungsunfähig, verbunden mit einigen Zitaten: „Ich soll den Häupl Michi nicht immer so ärgern“, „Ich soll die Pappn halten, wenn der Michi spricht“ und „Ich soll dem Häupl Michi nicht immer die Mahü unter die Nase reiben“.
Jetzt könnte man dazu allerhand sagen beziehungsweise wurde dazu auch schon viel gesagt (man lese nur die Kommentare auf der Facebook-Präsenz der Wiener Grünen, Popcorn bereithalten). Unweigerlich muss man unter anderem auch an den Begriff des Politainment, also die Verknüpfung von Politik mit Entertainment, denken. Um nichts anderes handelt es sich bei personenbezogener Politik dieser Art freilich, eine Entwicklung, die insbesondere in den USA mit der Verbreitung des Fernsehers eingesetzt (so gab es beispielsweise seit Dwight Eisenhower keinen US-Präsidenten mit haarausfallbedingter Glatze) und durch das Internet und social media eine neue Dimension erreicht hat. So werden Politiker auch in den hiesigen Medien immer weniger anhand inhaltlicher Fragen beurteilt als in Bezug auf ihre Persönlichkeit. Was zählt, sind entfernt mit Politik zusammenhängende Handlungen, rhetorische Kniffe, allgemeines Auftreten bis hin zur Kleidung. Und natürlich die Reaktionen und Streitereien mit anderen Parteien. Passend dazu auch die Schlagzeile im aktuellen Heute, die daraus sogleich ein kleines Polit-Drama macht.

So, was hat das alles nun mit Henry Kissinger zu tun? Nicht viel. Außer, dass er sich in seinem letzten Buch (World Order) zum Ursprung von Politainment äußert, den in einen größeren weltpolitischen Kontext stellt: So sind Politiker in einer immer komplexer werdenden Welt mit den von ihnen abgesegneten Regulierungsmaßnahmen überfordert. Das Abstellen auf Charisma anstelle von inhaltlicher Ausrichtung ist somit eine Möglichkeit, davon abzulenken, indem man die Schwerpunkte politischer Arbeit anders setzt:

„A combination of chronic insecurity and insistent self-assertion threatens both leaders and the public in the Internet age. Leaders, because they are less and less the originators of their programs, seek to dominate by willpower or charisma. The general public’s access to the intantibles of the public debate is ever more constrained. Major pieces of legislation in the United States, Europa, and elsewhere often contain thousands of pages of text whose precise meaning is elusive even to those legislators who voted for them.“

Wo diese Entwicklung endet, bleibt freilich offen. Ein Schreckensszenario bietet der Film „Idiocracy“; bleibt die Hoffnung, dass politische „Duelle“ in Zukunft nicht in Form von körperlichen Schaukämpfen im Stile von „American Gladiators“ stattfinden.

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