Wer ist das Volk?

„Wir sind das Volk“ tönen die einen. „Das ist Pack“ so manch anderer. Gerade heute zeigt sich mehr denn je, dass Sammelbegriffe, vom großen „Wir“ bis hin zu „Volk“ oder „die Österreicher“ beziehungsweise „die Deutschen“ nicht mehr so recht greifen wollen.
Die Dialektik von Masse und Individuum zieht sich als roter Faden durch die Menschheitsgeschichte. Gemeinhin heißt es, spätestens mit dem Ende des Kalten Krieges und dem „Sieg“ des Kapitalismus beziehungsweise der Demokratie westlichen Musters leben „wir“ (da ist es wieder) in Zeiten des Individualismus – mit allen Vor- und Nachteilen: Die Freiheit zur Entfaltung bringt auch das Gefühl von Ratlosigkeit und dem Verlorensein mit sich; Unabhängigkeit oft zur Erodierung familiärer Strukturen und dem damit einhergehenden Gefühl von Sicherheitsverlust; Konkurrenzdruck statt gemeinsamen Auftreten auf dem Arbeitsmarkt. Um nur ein paar Beispiele zu nennen.
Begriffe wie „Volk“ oder auch sein Cousin, die „Nation“, sind im deutschen Sprachraum spätestens seit Ende des Zweiten Weltkrieg negativ konnotiert. Die Schriften von Fichte oder Hegel lesen sich heute wie aus einer anderen Welt. Beispiel gefällig? In Fichtes Reden an die deutschen Nation etwa stößt man auf solche Passagen:

Nach allem wird der ausländische Genius die betretenen Heerbahnen des Alterthums mit Blumen bestreuen, und der Lebensweisheit, die leicht ihm für Philosophie gelten wird, ein zierliches Gewand weben; dagegen wird der deutsche Geist neue Schachten eröffnen, und Licht und Tag einführen in ihre Abgründe, und Felsmassen von Gedanken schleudern, aus denen die künftigen Zeitalter sich Wohnungen erbauen. Der ausländische Genius wird sein ein lieblicher Sylphe, der mit leichtem Fluge über den, seinem Boden von selbst entkeimten Blumen hinschwebt, und sich niederlässt auf dieselben, ohne sie zu beugen, und ihren erquickenden Thau in sich zieht; oder eine Biene, die aus denselben Blumen mit geschäftiger Kunst den Honig sammelt, und ihn in regelmässig gebauten Zellen zierlich geordnet niederlegt; der deutsche Geist einAdler, der mit Gewalt seinen gewichtigen Leib emporreisst, und mit starkem und vielgeübtem Flügel viel Luft unter sich bringt, um sich näher zu heben der Sonne, deren Anschauung ihn entzückt.
Nicht wenigen gelten Fichte und Hegel mit ihrer mythologischen Erhöhung von Volk, Nation und Staat als unfreiwillige Vorstufen zum deutschen Hypernationalismus unseliger Zeiten. Dennoch spricht freilich immer noch von „den Österreichern“ oder „den Deutschen.“ Ebenso beinhaltet die österreichische Bundesverfassung das bekannte Postulat, wonach das Recht „vom Volk“ ausgehe. Dennoch (oder gerade deswegen) herrscht gerade in Deutschland und auch in Österreich große Sensibilität, wenn einzelne Gruppen die Volkseigenschaft beziehungsweise die Deutungshoheit über den hypothetischen „Volkswillen“ für sich beanspruchen wollen.

Jetzt könnte man lange darüber diskutieren, wer als Volk oder Nation anzusehen ist, welchen Inhalt dieser Begriff heute noch hat oder haben kann. Oder sich damit abfinden, dass das Volk, die Nation nicht oder nur in stark abgeschwächter Form – jedenfalls nicht im Sinne der Vordenker dieses Begriffs – existiert. Überreste sind durchaus nach wie vor vorhanden, gehören aber entsprechend adaptiert und mit Einschränkungen, zumal es an neuen Begrifflichkeiten fehlt. Wobei man nicht vergessen darf, dass es sich beim Volk oder der Nation letztlich um keine homogene Masse, sondern eine Vielzahl an Individuen handelt, die durchaus über gemeinsame Erinnerungen, Vorstellungen, Werte und Gewohnheiten „verbunden“ sein können. Aber eben in beschränktem Maße: Wir oszillieren nach wie vor zwischen kollektivistischen Begriffen und Vorstellungen, in denen der einzelne in der Masse untergeht, und weitgehendem Individualismus, der – auch wenn Kritiker an dem, was man gerne als „Kapitalismus“ oder „Neoliberalismus bezeichnet, gerne anderes behauptet – sich bislang ebensowenig durchgesetzt hat.
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