"Ja, aber xyz macht das auch" – von der Gesprächs(un)kultur und dem großen Relativieren

Unsere Gesprächskultur ist kaputt. Zumindest beziehungsweise insbesondere, wenn es um die ganz heiklen Themen unserer Zeit geht: Geschlechterdebatte, Flüchtlingskrise und Islam, um nur drei zu nennen.

Wenig verwunderlich, die damit zusammenhängenden Fragen sind überaus emotional besetzt. Persönliche Erfahrungen, Ängste und Sorgen spielen eine große Rolle. Da bleibt die Sachlichkeit oft genug auf der Strecke.
Allein, rein emotional geführte Debatten tragen nur wenige Früchte, wenn überhaupt. Eigentlich sollte es bei Diskussionen nicht darum gehen, zu „gewinnen“, also den eigenen Willen um jeden Preis durchzusetzen. Sondern darum, eine vernünftige Lösung zu finden, mitunter überhaupt erst das Problem zu identifizieren. Und dafür braucht es weniger Emotion und mehr Logik.
Der tu quoque-Fehlschluss
Unter den unzähligen populären logischen Fehlschlüssen und sonstigen Scheinargumenten sticht mir seit je her jener des tu quoque unliebsam ins Auge. Damit meint man die Abwertung oder Zurückweisung eines Arguments durch den Verweis auf (Fehl-)Verhalten desjenigen, der es äußert (aber auch anderer). Besonders oft stößt man in Parlamenten darauf – wenn (Oppositions-)Partei A Partei B beispielsweise dafür kritisiert, nichts zu tun, um die Pensionen langfristig zu sichern und Partei B damit antwortet, dass Partei A ja das auch nicht gemacht hat, als sie in der Regierung war. Oder, um ein zweites Beispiel zu nennen, Missstände innerhalb des islamischen Raums damit relativiert oder gar zurückgewiesen werden, dass es im Christentum auch nicht so viel besser aussähe.
Das mag ja manchmal notwendig sein, um die Dinge in Perspektive zu rücken. Zu verdeutlichen, dass von Partei A wohl ebenso keine Lösung in der Pensionsfrage zu erwarten ist, sondern eher von Partei C, die ihre Glaubwürdigkeit eventuell noch nicht verspielt hat.
Oder, im zweiten genannten Fall, dass der Islam mit seinem hochproblematischen Frauenbild nicht alleine dasteht. Eine Modernisierung durchaus möglich ist, da andere Religionen ja auch Fortschritte in diesen und anderen Bereichen gemacht haben. Oder, sofern man derartige Fortschritte bestreitet, viele ihrer Anhänger sie wenigstens nicht mehr so streng leben (Stichwort Taufscheinchrist).
Mehr Logik wagen
Allein, oft genug werden Argumente und wichtige Diskussionen mit tu quoque, mit einem „ja, aber XYZ macht das auch“ regelrecht abgewürgt. Wenn Partei B sich darauf versteift, Partei A das Recht auf Kritik abspricht, wird dadurch das Pensionsproblem nicht gelöst. Dass im Namen des Christentums Verbrechen begangen werden und wurden, macht das die Verbrechen im Namen des Islam nicht besser. Die Probleme und Missstände im Bereich der einen Religion ändern nichts an den Problemen und Missständen der anderen.
Gut möglich, dass vielen gar nicht bewusst ist, dass sie oftmals logischen Trugschlüssen unterliegen. Nicht jeder praktiziert den gezielten Einsatz von Desavouierung und anderen schmutzigen rhetorischen Kniffen, um sein Gegenüber schlecht dastehen zu lassen. Nicht jeder diskutiert im Rahmen von „Elefantenrunden“ oder im Parlament, wo es schon lange nur noch darum geht, möglichst gut dazustehen, ohne dass irgendeiner der Gesprächsteilnehmer dazu bereit wäre, vom eigenen Standpunkt abzugehen (selbst wenn dieser sich als falsch herausstellen sollte).
Hier liegt ein Grundmangel unserer Gesprächskultur: Die elementaren Grundregeln der Logik sind vielen unbekannt. Die braucht es aber, um zielgerichtete und sinnvolle Diskussionen zu führen, anstatt sich verbal die Schädel einzuschlagen.

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