Politikerbashing: Lasst das Aussehen raus

Die vom österreichischen Bundesinnenministerium gestern angekündigte Kampagne in Afghanistan hat – wie immer, wenn die Regierung irgendwelche Maßnahmen und Aktionen beschließt – eine Empörungswelle ausgelöst. Darunter befanden sich auch zahlreiche Memes und bearbeitete Fotos, in denen das Aussehen der Innenministerin in den Vordergrund gestellt wurde. So diene Mikl-Leitners Gesicht als beste Abschreckung für potentielle Flüchtlinge beziehungsweise solle man dieses plakatieren, um Österreich für diese unattraktiv zu machen. Wie auch man immer dazu steht :Das Abstellen auf Äußerlichkeiten hat in der Debatte nur wenig verloren.

Ähnliches kann man auch immer wieder im Zusammenhang mit anderen weiblichen (etwa im Zusammenhang mit Janine Wulz oder Angela Merkel) und freilich auch männlichen Politikern (man denke an die häufige Thematisierung von Sigmar Gabriels Körperfülle) beobachten.
Eines vorweg: Ja, man muss in der Politik eine dicke Haut haben und viel über sich ergehen lassen. Zumal die Innenministerin seit je her eine äußerst streitbare Figur ist. Wie der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte beispielsweise im Fall Baskaya und Okcuoglu gegen die Türkei feststellte, gilt für Regierungsmitglieder ein anderer Maßstab als für Privatpersonen oder „herkömmliche“ Politiker.
Die Grenzen der Satire
Ungeachtet der leidigen juristischen Fragen der Grenzen der Meinungsfreiheit – auf die hier nicht näher eingegangen werden soll – stellt sich jedoch jene des guten Geschmacks. Der ist gerade bei Satire freilich so eine Sache für sich. Oft genug scheint der satirische Gehalt stark hinter der Anfeindung als solcher zurückzutreten. Dann verkommt die Satire schnell zum Deckmantel für reine personenbezogene untergriffige Angriffe.
Ganz allgemein ist das negative Hervorheben des Aussehens von Politikern und sonstigen Personen öffentlichen Interesses höchst problematisch (man spricht, je nachdem, von body shaming und face shaming). Jedenfalls im kleineren Rahmen – Stichwort Mobbing in der Schule oder am Arbeitsplatz – hat eine Desavouierung auf dieser Grundlage nichts verloren. Auch beziehungsweise gerade im öffentlichen Bereich sollte grundsätzlich dasselbe gelten. Auch wenn manche Anlässe richtiggehend danach schreien (ich denke spontan an das mittlerweile wohlfeil bekannte Foto von Sigmar Gabriel neben Til Schweiger, das mit „dick und doof“ betitelt wurde; oder an den ehemaligen FPÖ-Chef Herbert Haupt, der die Patenschaft für ein Nilpferd übernommen hatte; dazu gibt es auch ein OGH-Urteil) und somit durchaus von Satire gedeckt sind, sollte man stets Vorsicht walten lassen. Der gute Geschmack hat nunmal seine stets neu auszukalibrierenden Grenzen.
Die Auswirkungen von „body shaming“ und „face shaming“
Denn die mit dem Abstellen auf Körperliches einhergehende Botschaft weist mehrere Facetten auf: Einerseits tritt inhaltliche Kritik an politischen Vorhaben und Politikern dadurch in den Hintergrund, obwohl diese ungleich bedeutsamer ist. Daneben sinkt mitunter auch die Dialogbereitschaft, nach dem Motto „wieso soll ich mit jemanden diskutieren, der mich auf eine solche Art und Weise darstellt?“
Andererseits verlangen Themen wie body shaming und face shaming Konsequenz. Sollte es doch ungeachtet der Person, auf die es abzielt, ganz allgemein inakzeptabel sein. Wenn Ausnahmen gemacht werden, weil man das Objekt derartiger Angriffe aufgrund seines Verhaltens als besonders verachtenswert empfindet, kompromittiert man damit die Bemühungen in diese Richtung mit einem Streich als Ganzes. Läuft das letzten Endes doch darauf hinaus, dass man nur dann vor Angriffen gegen sein Äußeres geschützt ist, wenn man sich entsprechend verhält. Was letzten Endes nur in Willkür und wechselseitigem Einsatz von body und face shaming enden kann. „Wenn Mikl-Leitner wegen ihres Aussehens angegriffen werden darf, dann gilt das auch für Eva Glawischnig und so weiter.“ Nein, eben nicht, es ist bei beiden nicht in Ordnung.
Davon abgesehen wird dadurch zu einem gewissen Teil die Schuld auf das Opfer derartiger Angriffe ausgelagert. Die Ächtung von body und face shaming ist grundsätzlich an keine vom Ziel der Angriffe abhängige Einschränkungen geknüpft. Widrigenfalls hätte nicht der Urheber der Angriffe, sondern das Opfer selbiger sie mit seinem Verhalten herbeigeführt und damit legitimiert – eine fragwürdige Argumentationskette.
Der mittelbare – gesellschaftliche Effekt
Abgesehen von den Auswirkungen auf das direkte Ziel der Angriffe und auf die Anstrengungen gegen body und face shaming gibt es auch eine darüber hinausgehende, mittelbare Wirkung. Wenn man öffentlich das äußere Erscheinungsbild von Personen als „hässlich“, „fett“, „faltig“ oder sonstwie besonders negativ, weil nicht „schön“ angreift, trifft man damit unzählige weitere Menschen gleich mit. Auch wenn Spitzenpolitiker in den Augen von vielen mittlerweile als äußerst abgehoben gelten, sehen sie immer noch nicht anders aus als der Rest der Bevölkerung. Wer Sigmar Gabriel wegen seiner Leibesfülle als fettes Schwein und dergleichen bezeichnet, attackiert damit andere, ähnlich aussehende Menschen gleich mit. Das sollte einem bewusst sein. Selbiges gilt selbstredend ebenso, wenn man weibliche Politikerinnen als „unattraktiv“ „hässlich“ oder gar als im negativen Sinne negativ-repräsentativ für die weibliche Bevölkerung eines Landes darstellt. So richten die Angriffe nicht nur gegen das Aussehen der österreichischen Bundesinnenministerin, sondern gegen jenes sehr vieler Frauen in ihrem Alter. Das muss und sollte nicht sein.
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