Syrien: Die Utopie des Friedens

Seit 5 Jahren schwelt der Konflikt in Syrien. Immer wieder wird die Frage aufgeworfen, weshalb die Welt es nicht schafft, in Syrien Frieden herzustellen und, damit einhergehend, warum der Konflikt so lange andauert

Syrien, das war vielleicht anfangs weit weg. Mittlerweile liegt es aber sehr nah, spätestens seitdem der Konflikt durch das Anschwellen der Flüchtlingskrise an Europas und damit an Österreichs Türen geklopft hat, lässt er kaum noch jemanden kalt.

Die eingangs genannte fundamentale Frage gerät
dabei immer mehr in Vergessenheit. Dass Syrien einmal ein friedliches, schönes – wohlweislich diktatorisch geführtes – Land war, ist heute kaum noch vorstellbar. Es scheint fast, als hätte man sich damit abgefunden, dass die Welt nun einmal so ist, wie sie ist. Der Krieg als unvermeidbare anthropologische Grundkonstante, die man vielleicht einhegen, ab und an auch verhindern, aber niemals ganz beseitigen kann. Auch zwei Jahrhunderte nach Immanuel Kants mitunter bedeutsamster Schrift 
Zum Ewigen Frieden sind wir von einem solchen nach wie vor weit entfernt.

Warum Krieg?

Die genauen Gründe für den Ausbruch des Konflikts sind bis heute nicht restlos geklärt. Eine Lesart geht von einer Erhebung des unzufriedenen Volkes aus, die brutal und völlig unverhältnismäßig niedergeschlagen wurde. Wobei religiös-fanatisierte und sich aus zahlreichen ausländischen Kämpfern zusammensetzende Gruppen erst relativ spät die Bühne betreten haben sollen. Zunächst sind viele Angehörige der syrischen Armee desertiert, um al-Assad zu stürzen und, im Idealfall, ein demokratisches und die Menschenrechte achtenden System zu errichten. Später, mit Fortschreiten der Kampfhandlungen wuchs auch der Druck auf den Westen und umliegende Staaten, die Gegner al-Assads zu unterstützen.

Andere betonen, dass es bereits äußerst früh zu weitgehenden Einmischungen von außen gekommen ist. Demokratie und Menschenrechte dienten dabei lediglich ein Feigenblätter. Was sich vor allem daran zeigt, dass allen voran Saudi-Arabien von Beginn weg seine Finger im Spiel gehabt haben soll. Was insofern plausibel erscheint, als der Sturz Bashar al-Assads und die Etablierung einer sunnitischen, möglicherweise salafistischen Regierung mit enger Verbindung zu Saudi-Arabien den großen regionalen Rivalen Iran entschieden schwächen würde. Was auch im Interesse der westlichen Verbündeten wäre, allen voran der USA, aber auch Israels, das im Iran immer noch den Hauptfeind in der Region sieht. Eben jener Iran leistet – gemeinsam mit Russland, das bereits seit den 1970er Jahren eng mit Syrien verbunden ist – maßgebliche Unterstützung für al-Assad. Was wiederum unter anderem daran liegt, dass al-Assad und das syrische Territorium für die Versorgung der Hisbollah (und umgekehrt) unerlässlich sind. Zuletzt sei auch die Türkei genannt, die gegen die syrischen Kurden (genauer gesagt die YPG) vorgeht, weil sie diese als verlängerten Arm der PKK betrachtetSo hat die Türkei bereits im Juni 2011 eine Konferenz der syrischen Opposition auf ihrem Gebiet zugelassen, seit dem Frühling 2012 unterstützt sie aktiv den gewaltsamen Umsturz al-Assads.

Kurzum: In Syrien herrscht kein Bürgerkrieg im genuinen Sinne, sondern ein Stellvertreterkrieg. Zentraler Zankapfel dabei ist der Verbleib al-Assads beziehungsweise die Frage, welchen Staaten eine künftige syrische Regierung eher gewogen wäre. Solange hier keine Entscheidung vorliegt, ist kein Ende in Sicht. 

Zur Bedeutung des „Islamischen Staats“

Der „Islamische Staat“ ist dabei eine maßgebliche Facette, aber nicht unbedingt entscheidend. Offiziell ist er der Feind, auf den sich alle einigen können, eine Art hostis humanigeneris. Inoffiziell ist die Sache wesentlich komplexer, was auch die vielen im Raum stehenden Vorwürfe erklärt: Hat al-Assad ihn bewusst großwerden lassen, um als geringeres Übel dazustehen? Wird oder wurde er von der Türkei unterstützt? Was ist mit den USA, war das Entstehen des „IslamischenStaats“ wirklich nicht absehbar beziehungsweise welche Rolle spielt der Irakkrieg 2003
Wie so ziemlich jeder Krieg ist auch jener in Syrien ein idealer Nährboden für Gerüchte, Mutmaßungen – manche berechtigt, manche eher weniger – und Verschwörungstheorien. Das erste Opfer des Krieges ist immer noch die Wahrheit; wer diese will, muss sich zumeist lange gedulden und selbst dann gibt es oftmals keine Gewissheit.

Selbst wenn der „Islamische Staat“ irgendwann besiegt sein sollte, ist der Frieden in Syrien weit entfernt. Wobei offen bleibt, ab wann man überhaupt von einem „Sieg“ sprechen kann – am ehesten, wenn er seine Gebiete verloren hat und nur noch klandestin agieren kann beziehungsweise allenfalls kleinere Landstriche kontrolliert.

Wer ist „die Welt“?

Womit wir zum Hauptpunkt kommen: „Die Welt“ beziehungsweise eine „internationale Gemeinschaft“ existiert höchstens in Ausnahmefällen. Manchmal gibt es Themen, bei denen wirklich so etwas ähnlich wie universale Einigkeit herrscht. Beim Konflikt in Libyen 2011 war man beispielsweise relativ nahe dran, was an der weitgehenden außenpolitischen Isolation Gaddafis lag – eine Folge seiner schweren Verfehlungen in der Vergangenheit, etwa das Lockerbie-Attentat oder der Anschlag auf die Berliner Diskothek „La Belle“. Al-Assad kann auf einflussreiche Verbündete bauen. Syrien ist ein Lehrbuchbeispiel für einen von einander widerstreitenden Interessen geopolitischer, wirtschaftlicher, ethnischer und religiöser Natur geprägten Konflikt. Moral spielt hier nur bedingt eine Rolle. Wobei keine der involvierten Parteien nachzugeben gedenkt. Sobald eine ihre Unterstützung erhöht, ziehen die anderen nach. John Kerry etwa drohte Russland erst unlängst, dass der Krieg noch hässlicher werden könnte. Was angesichts des bisherigen Verlaufs und dem damit einhergehenden Leid nach purem Zynismus klingt. Keine guten Aussichten für den unter diesen Umständen leider utopischen Wunsch nach Frieden.

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