Die Sorge vor den jungen Männern

„Flüchtlinge“ sind keine homogene Masse. Die einen sehen Schutzbedürftige, die anderen die Gefahren, die von jungen alleinstehenden Männern ohne Beschäftigung und Perspektiven ausgehen. Zeit, zu differenzieren

Wenn die letzten Monate eines verdeutlicht haben, dann die prävalente Bedeutung der Sicherheit. Die ablehnenden Reaktionen auf die Flüchtlingskrise sind schließlich zu weiten Teilen der Sorge vor einem Anstieg der Gewaltakte und Eingriffen in das persönliche Hab und Gut geschuldet. Niemand möchte selbst oder mittelbar – über nahestehende Personen – Opfer solcher Handlungen werden.

Daraus folgen unterschiedliche Sichtweisen auf die Neuankömmlinge der letzten Monate und Jahre. Den einen gelten sie als Hilfs- und Schutzbedürftige. Anderen als potentielle Arbeitskräfte und Retter des maroden Pensionssystems. Und wieder anderen als potentielle Straftäter.

Flüchtlinge sind keine homogene Masse

Bei näherer Betrachtung hat jede dieser Wahrnehmungen ihre Daseinsberechtigung. Es gibt den Flüchtling schließlich nicht.

Zum einen sind die Motivationen, den Weg nach Europa auf sich zu nehmen, höchst unterschiedlich. Davon zeugt bereits der Kampf um den präferierten Sammelbegriff – Flüchtling, Wirtschaftsflüchtling, Asylwerber oder Migrant. Die einen fliehen vor Krieg, Verfolgung, die anderen vor Tristesse und mangelnden Perspektiven. Gesucht wird nach einem besseren Leben, Schutz als solche ist dabei nur ein Faktor unter vielen und nicht notwendigerweise bei allen entscheidend.

Die große Frage kreist also darum, ob jemand eine Bedrohung darstellen könnte. Dabei spielen Religionszugehörigkeit, politische Einstellung, Bildung, Weltanschauung, kultureller Hintergrund, Geschlecht und Alter eine maßgebliche Rolle. Christen erscheinen weniger fremd als Muslime. Säkularisierte Menschen mit westlicher Grundorientierung gelten tendenziell als leichter ingrierbar denn jene mit stark religiöser Prägung. Ärzte und Ingenieure werden gerne gesehen, bei Analphabeten steht die Frage im Raum, wie diese einen Arbeitsplatz finden sollen. Kinder, Frauen und ältere Herren bereiten weniger Sorgen als alleinstehende junge und gesunde Männer. Anders gesagt: Junge Muslime ohne Frau und Kind haben die kleinste Lobby. Gleichzeitig stellen sie aber zahlenmäßig allem Anschein nach die größte Gruppe dar. Dabei ist es im Übrigen irrelevant, ob man diese Beoabachtung auf die Strapazen und Gefahren der Reise, die Frauen und Kinder übermäßig stark betreffen, oder testosteronbedingte Abenteuerlust schiebt. Was im Moment zählt, ist das Endresultat, die Sorge vor jungen alleinstehenden Männern ohne beruflicher Perspektive, die eventuell darüber hinaus einem religiös-dominiertem Weltbild anhängen. Das zeigt sich auch in der Auswahl der Bilder. Wütende, steinewerfende Männer im besten Alter verringern die Aufnahmebereitschaft der Zielländer im selben Maße (wenn nicht mehr) wie traurige Kinder sie erhöhen.

Hinzu tritt die tiefgehende Skepsis gegenüber der Regierung beziehungsweise ganz allgemein dem Staat als die Summe aller Autoritäten, die mit Sicherheits- und Integrationsagenden betraut sind. Oder auch der Gesellschaft in ihrer Gesamheit. Kann man es dem Staat und dem Volk zutrauen, die jungen Männer zu beschäftigen und zu integrieren? Viele haben da so ihre Zweifel, nicht zuletzt aufgrund der bereits gemachten Fehler (man denke etwa an die gescheiterte Integration der Tschetschenen in Österreich oder der Libanesen in Deutschland, wobei es sich hier lediglich um einige Zehntausende handelte). Das ohnehin bereits seit geraumer Zeit beschädigte Vertrauen in den Staat hat in den in den letzten Monaten stark gelitten. Davon zeugen unter anderem die Bilder heillos überforderter, zu Statisten degradierter Polizisten in Spielfeld oder die Ereignisse der Kölner Silvesternacht. Bei vielen ist die anfängliche Euphorie mittlerweile wieder verflogen. Die Sache wird so einfach nicht. Vor allem aber wird sie die Aufnahmegesellschaften auf unabsehbare Zeit beschäftigen.

Europa und die jungen Männer

In der Flüchtlingsdiskussion reden viele aneinander vorbei. Es ist an der Zeit, zu differenzieren. Risiken beim Namen zu nennen und Sorgen ernst zu nehmen. Ignorieren oder mit Unterstellungen aller Art zu arbeiten, bringt vielleicht kurzfristig politisches Kleingeld oder einen „Sieg“ in Diskussionen, lenkt aber vom Wesentlichen ab: Die Herausforderungen, die viele junge Männer ohne Perspektiven nun einmal unweigerlich mit sich bringen.

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