Brüssel-Anschläge: Vielleicht sollte man gerade jetzt keine Medien konsumieren

Je zeitnaher der Medienkonsum, desto schlimmer. Gerade unmittelbar nach Anschlägen scheint der bewusste Verzicht – Stichwort Mediendiät – ratsam.

Brüssel ist omnipräsent. Wie könnte es anders sein. Auch wenn ein gewisses Maß an Gewöhnung einzutreten scheint, treffen Anschläge immer noch das sensible Nervenkostüm westlicher Gesellschaften. Vermitteln einem das Gefühl, selbst jederzeit und allerorts zum Opfer werden zu können. Denn der Terrorismus von heute richtet sich nicht gegen bedeutende politische Persönlichkeiten oder staatliche und sonstige Institutionen, sondern grundsätzlich gegen alle. Brüssel fühlt sich inmitten von Livetickern und Livestreams, ob vor Ort oder nicht, Videos von davonlaufenden Menschen, Bildern der Opfer, unzähligen Tweets, ersten Fakten und Kommentaren und was es nicht sonst so alles gibt, sehr nah an. Viele waren schon dort, andere sind gerade dort und können es via Facebook auch entsprechend kommunizieren. Heute Brüssel, gestern Paris, vorgestern London und Madrid, vor Jahren New York, morgen Wien, Berlin oder sonstwo?

Daher und aus vielen anderen, damit einhergehenden Gründen (Clickzahlen, Mitteilungsdrang, Verarbeitung von mitreißenden Episoden) rührt die Emotionalität, die freilich umso höher ist, je kürzer das Geschehene zeitlich zurückliegt.

Doch vielleicht sollte man gerade deswegen aufs Erste keine Medien konsumieren (und ja, der schiefen Optik, eine solche Botschaft in einen zeitnahen Blogbeitrag zu verpacken, bin ich mir bewusst, siehe weiter unten). Den Browser schließen, Smartphone oder Tablet weglegen. Der Überhitzung entgehen, die jetzt folgt. Den Details, die einem persönlich ohnehin nur wenig bis gar nichts bringen. Den immer gleichen Debatten mit den altbekannten Argumenten und oft auch Untergriffen. Den Politikern, die daraus politisches Kleingeld schlagen wollen. Den Analysen, die oft auch irgendwie vom letzten Anschlag übernommen sein könnten. Copy paste, in Zeiten des aus der Informationsflut entspringenden hyperrapiden Vergessens erinnert sich ohnehin niemand mehr an ältere Texte, jedenfalls nicht so genau.

Hinzu kommt das simple Faktum, dass das mit Terrorismus einhergehende Medienspektakel essentieller Bestandteil der dahinterstehenden Strategie ist. Jeder Anschlag wird dadurch zusätzlich aufgeblasen. Die intensiven weitreichenden Reaktionen sind das eigentliche Ziel. So nachvollziehbar und unausweichlich die Aufmerksamkeit auch ist, sollte man sich dessen bewusst sein.

Jeder geht anders mit Unvorhergesehenen und aufrührenden Ereignissen selbst und den damit einhergehenden Epiphänomenen um. Manche schreiben Blogbeiträge und Facebookstatus-Updates, teils für andere (nanona, sonst würde man ja ins Tagebuch kritzeln), aber auch für sich selbst. Nicht zuletzt als Mittel und Prolog dazu, die virtuelle Welt gerade jetzt, wo ihre Versuchungen am stärksten locken, zumindest kurz zu verlassen.

 

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