Generation Z(ynismus)?

Zynismus zwischen Resignation und Selbstschutz

Es wird viel debattiert dieser Tage. In Zeiten des Umbruchs und der damit unweigerlich verbundenen Verunsicherung kommen selbst die apolitischsten Menschen nicht mehr darum herum, zumindest ab und an über Dinge wie die Flüchtlingskrise, Russland, oder das, was man Kapitalismus nennt zu sprechen. Oft genug hat dabei der Zynismus das letzte Wort.

Unter Zynismus versteht man das allgemeine Misstrauen gegenüber Wertvorstellungen und Zielen anderer, vom einzelnen bis zu ganzen Gruppen und Gesellschaften. Altruismus, die Hoffnung, dass Dinge sich zum Besseren wandeln oder allgemeiner Gestaltungswille haben hier keinen Platz. Worte wie „naiv“ oder das Unterstellen unlauterer Absichten gehören zum Standardrepertoire.

Zynismus feiert seit geraumer Zeit Hochkonjunktur. Er trifft die letzten, die noch an die großen Verheißungen glauben oder es zumindest vorgeben. Demokratie? Gibt es allenfalls in der Theorie, in der Praxis herrschen andere, der Wählerwille zählt kaum noch. Menschenrechte? Weiß keiner, was das eigentlich genau sein soll. Wohlfahrtsstaat? Wird seit geraumer Zeit sukzessive abgebaut. Pensionen? Nicht, wenn du unter 50 bist (selbst dann wird es schwierig). Rechtsstaat? Wenn der so toll funktioniert hätten doch nicht so viele Menschen panische Angst vor einem Rechtsstreit (dauert lang, kostet viel und man weiß nicht, ob man letzten Endes Recht bekommt: „Recht haben und Recht bekommen sind zweierlei“). Integration? Hat in der Vergangenheit nicht funktioniert, wieso sollte das dieses Mal anders sein. #PanamaPapers? Nichts, was man nicht eh schon wüsste. Meinungsfreiheit? Nur, wenn man nicht das Falsche sagt oder schreibt beziehungsweise wenn es gegen die richtigen geht.

Die Liste ließe sich beliebig weiterführen. Kaum ein Thema, in der Zynismus, so er sich äußert, nicht das letzte Wort hat, indem er die Diskussion mit einem Schlag abwürgt. Es herrscht das große „geh bitte.“ Der Idealist flüchtet sich entweder in Verunglimpfung des Miesepeters oder er lässt sich anstecken und wechselt das Lager.

Die Dialektik zwischen Idealisten und Zynikern lässt sich im Zuge der mittlerweile wieder abflauenden Diskussion um die #panamapapers gut beobachten. Auf der einen Seite jene, die einen großen Coup sehen, eine regelrechte mediale Bombe. Endlich gibt es etwas Handfestes zur diffusen Grundstimmung, dass „die da oben es sich ohnehin richten, wie sie wollen.“ Slavoj Zizek zog den eindringlichen Vergleich zum partnerschaftlichen Betrug: Das abstrakte Wissen, hintergangen zu werden, ruft nun einmal geringere Schmerzen hervor als die Kenntnis der unangenehmen Details. Nicht wenige hoffen nun auf politischen Druck und dringend notwendige Maßnahmen in Sachen Steuerhinterziehung. Der berühmte Tropfen, der das spätestens seit der Finanzkrise 2008 gut gefüllte Fass zum Überlaufen bringt.

Auf der anderen Seite stehen jene, die sich fragen, wo jetzt die großen Enthüllungen liegen sollen. Dass zahlreiche einflussreiche Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft ihr Geld vor dem Fiskus verstecken war schließlich so allgemein bekannt, dass man nicht einmal mehr von einem offenen Geheimnis sprechen kann. Ja, vielleicht tritt der eine oder andere Politiker zurück, vielleicht folgt das ein oder andere Verfahren. Aber Politiker-Rücktritte haben in den allerseltensten Fällen etwas bewirkt; mehr noch, oft genug sind Politiker ja froh, aus dem Rampenlicht zu verschwinden und sich fernab der bisweilen gar hostilen Öffentlichkeit im während der Amtszeit gemachten Nest zu suhlen.

Das Muster wiederholt sich fortwährend. So gilt der Zyniker als Totengräber der Demokratie oder zumindest als Beitragstäter: Jemand, der keine Verantwortung übernehmen möchte und es sich allzu leicht macht, indem er alles und jeden schlechtredet. Umgekehrt sonnt sich der Zyniker gerne im Gefühl, letzten Endes Recht zu behalten, er hat es ja von Anfang an gewusst – so gesehen erscheint seine Haltung auch als Abwehrstrategie, um allfällige Enttäuschungen im Keim zu ersticken, indem er gar nicht erst Hoffnung aufkommen lässt.

Vielleicht ist er aber auch gar nicht so dominant, wie man beim Konsum von Medien und so mancher Kommentarspalte meinen mag; vielleicht sind die Zyniker auch einfach nur am lautesten. Allerdings erscheint es ebenso möglich, dass sie eigentlich wenig Raum bekommen und umgekehrt die letzten sich gegen die große Desillusionierung aufbäumenden das Meinungsspektrum dominieren. Zumal viele es obendrein nicht einmal der Mühe wert erachten, überhaupt in die Tasten zu hauen – „weil es eh nichts bringt.“ Wie dem auch sei, ganze Generationen mit Buchstaben und dazugehörigen Eigenschaften zu versehen verkürzt die Sache selbstredend. Oft genug verbirgt sich dahinter die Extrapolation der Gefühle des jeweiligen Autors und seines Umfelds auf eine unbekannte Masse.  Aber dennoch: Der Zynismus grassiert, auch wenn er (noch?) nicht eine ganze Generation oder Gesellschaft in ihrer Gesamtheit befallen hat.

Schwer zu sagen, ob diese Entwicklung Auslöser oder Folgeerscheinung des Gefühls von Machtlosigkeit – was kann der einzelne im Zeitalter der Massen schon bewirken? – beziehungsweise des erodierenden Vertrauens in gesellschaftliche Institutionen und Wertvorstellungen ist. Jetzt könnte man zum Abschluss dieser Frage auf den Grund gehen – oder sie im Raum stehen lassen, zumal es letztlich ohnehin nicht so wichtig ist. Womit wir bei der „Generation „W(urscht)“ wären, sinnbildlich ausgedrückt durch den Erfolg von Kazim Akbogas Gassenhauer „is mir egal.“ Aber das ist eine andere Geschichte.

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