Demokratie und Politainment

Justin Trudeau, der „virale Premier.“ Christian Kern „versteht die Macht des Bildes und setzt sie gezielt ein.“ Keine Frage, wir leben in Zeiten des Politainment. Für Inhalte und genuine politische Diskussionen bleibt da wenig bis kein Platz. Macht nichts, ist ja eh fad.

Die Verschmelzung von Politik mit Entertainment hat Hochkonjunktur. Das ist freilich nicht erst seit gestern so. Bereits 1985 erschien Neil Postmans „Amusing Ourselves to Death„, eine scharfe Kritik am Fernsehen und dessen Auswirkungen auf die Politik. Auch wenn viele die Serien, Filme und TV-Shows nicht mehr kennen und obwohl er die Auswirkungen von Internet und Web 2.0 nicht erahnen konnte, scheint die Kernaussage seines Buchs heute treffender denn je: Fernsehen will unterhalten, es ist die „super ideology of all discourse“ und folglich genießt die verkürzte Darstellung Vorrang vor Inhalt oder komplexeren Zusammenhängen. Was sich auch auf die Politik auswirkt, denn in der Welt der bewegten Bilder und anderer visueller Medien, „‚political knowledge‘ means having pictures in your head more than having words.“ Postman beschrieb damals unzählige Phänomene, die in den letzten Jahren voll durchschlagen: Politiker als Celebrities, die obendrein zu nahezu jedem Thema eine standardisierte Phrase parat haben, der damit einhergehende Bedeutungsverlust der Parteien, Diskussionen, die eigentlich keine Diskussionen sind, sondern Schauläufe anerkannter und bekannter „Experten“, die aneinander vorbeireden.

Wer sich im Kampf um die Aufmerksamkeit durchsetzen und gewählt werden will, darf das Publikum nicht langweilen. Kein Abwägen, keine differenzierten Antworten, nur niemanden überfordern. Wofür ein Politiker steht, was er gemacht hat oder zu tun gedenkt interessiert die breite Öffentlichkeit nicht. Es gibt Fotos von Justin Trudeau mit Panda-Babies verdammt nochmal, was will man mehr?!

Dabei handelt es sich freilich um kein kanadisch-US-amerikanisches Phänomen, auch Österreichs Politiker haben die Ehe mit dem inhaltlichen Planschbecken der leicht verdaulichen Oberflächlichkeiten schrittweise vollzogen. Vom Sonnenkönig Bruno Kreisky über Jörg Haiders berühmte Tafer’l mitsamt Dauerpräsenz auf den Titelblättern heimischer Printmedien, H.C. Straches Facebook-Page oder Praterdome-Ausflüge bis hin zu Christian Kerns wunderbar administriertem Instagram-Acount (lauter staatsmännische Fotos und bei seiner Antrittsrede hatte er die Hand in der Hosentasche, voll lässig und so. Er sieht jedenfalls aus wie ein toller Kanzler, egal, ob er einer ist oder – Vorsicht, viel zu viel Meta! – was denn überhaupt einen tollen Kanzler ausmacht). Alle spielen mit, die vermeintlich Guten und die ach so Bösen: Wer Donald Trump furchbar findet, sollte sich dessen bewusst sein, dass Politik als Showbusiness für den von ihm verkörperten Politiker-Typus nun einmal das ideale Biotop bedeutet. Wo ein Trudeau mit Pandababies, da auch ein Trump und der Mythos vom ach so erfolgreichen Geschäftsmann.

Laut Postman sollte nicht George Orwell und seine Dystopie vom Jahr 1984, sondern Aldous Huxley mit seiner schönen neuen Welt Recht behalten. Überall lauern Ablenkungen und Vergnügungen, die im Roman omnipräsente stimmungsaufhellende Droge soma ist in Form von Fernsehen und Smartphone Wirklichkeit geworden. Die Politik spielt fleißig mit und gleicht sich dem Entertainment an.

Kaum jemand stößt sich daran und wenn, kommt ein „so ist Politik eben, was will man machen“. Schon Warren G Harding wurde 1921 US-Präsident, weil er präsidial aussah. Was wir heute erleben, ist eben nur die Zuspitzung dessen, was wir seit mittlerweile gut 100 Jahren beobachten können. Was aber nichts am Grundproblem ändert. Deswegen sollte man sich von Zeit zu Zeit die Auswirkungen dieser Entwicklung vergegenwärtigen. Denn die Dominanz von Showbusiness bedeutet letzten Endes, dass für Politiker andere Parameter gelten als Wahrheit, Sensibilität, Vernunft oder tatsächlich gesetzte Maßnahmen. Hauptsache, es klingt gut und die Frisur sitzt.

 

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