Im Schatten von Nizza

ein paar Gedanken, entstanden im Zustand der Erregung. Zur Nachlese für mich selbst und wen es sonst interessieren möge. Jeder geht anders mit sowas um; manche bedienen sich eben des geschriebene Worts.

Das Terrornarrativ hat gewonnen. Noch bevor man etwas weiß, weiß man alles. Solange es nicht eindeutig widerlegt wurde, gilt die Terrorvermutung (siehe die Reaktionen von H.-C. Strache, aber auch von Hillary Clinton oder Angela Merkel und der hohen Politik im Allgemeinen). Früher war es immer Al-Kaida, heute der „Islamische Staat.“ Auch wenn derzeit nicht ausgeschlossen werden kann, dass es wir es mit einem Amokläufer ohne (genuin-)islamistischen Hintergrund zu tun haben, wird allgemein davon ausgegangen, dass es sich um Terrorismus handelt – zumal er tunesische Wurzeln hat (Tunesien ist das Haupt-Herkunftsland ausländischer IS-Kämpfer). Und ja, das ist angesichts der tragischen Ereignisse der letzten Monate selbstredend höchst wahrscheinlich. Aber die Reflexartigkeit der Assoziationen (bereits bevor man irgendwas zur Person wusste, sprach man von Terrorismus) verdeutlicht einmal mehr, wie sehr sich der Terrorismus schon in unser Denken eingefressen hat.
faz
Unser aller Erregung, unsere leider vorhersehbaren, weil nur allzu menschlichen Reaktionen, online wie offline, sind Teil der terroristischen Strategie. Wir sind alle Werkzeuge zwecks Verbreitung von Angst, aber auch zur Rekrutierung von Sympathisanten. Wir sollen twittern, Facebook-Statusupdates posten, diskutieren, Artikel und Live-Feeds lesen und Sondersendungen konsumieren. Parallel dazu verrohen wir zusehends, weil Empathie eben ihre Grenzen hat und man sonst durchdrehen würde (Extrembeispiel gefällig? Die Frankfurter Allgemeine Zeitung tweetete ernsthaft „Guten Morgen! Bei einem Anschlag in #Nizza wurden mehrere Dutzend Menschen getötet.“)
Und über all dem das leidige „was tun?“; ja, was? Krieg gegen den Terror heißt es seit 9/11. Allein, das ist kein konventioneller Krieg, bei dem sich staatliche Streitkräfte auf einem Schlachtfeld gegenüberstehen; das ist irgend etwas anderes. Die Frage nach dem richtigen Umgang damit bleibt weiter unbeantwortet, weil es vermutlich gar keine Antwort gibt: Zwischen dem erschreckend lapidaren „man kann Terror nicht verhindern“ und „mehr Überwachung, Bodyscans auf Flughäfen, Vorratsdatenspeicherung, Ausbau sicherheitspolizeilicher Kompetenzen, Aufstockung der Exekutive und des Militärapparats beziehungsweise der Budgets“ und was es nicht alles im Standardrepertoire der Terrorismusbekämpfung gibt, ist diese immer wieder zutagetretende Hilf- und Ratlosigkeit das Bedrückendste.
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