Wo sind all die Wünsche hin?

Vegetieren Sie schon oder wünschen Sie noch? Ist die kleine Utopie der großen Realität gewichen? Was kommt, sobald man einmal die kühl-nüchterne Brille aufgesetzt hat?

Wer nicht will, der muss auch nicht. Der kann verschieben und wegschieben. Sich auf Facebook oder in Netflix-Serien baden. Überall lässt sich Staubzucker streuen, um darunterliegenden Morast zu verdecken. Ornamente als Verbrechen.

Manchmal wird der Staubzucker weggepustet und die Ernüchterung setzt ein. Vorbei die Zeiten als man flamboyant von diffusen Lebensplanungen schwadroniert hat. Die Leichtigkeit der Gewissheit scheinbar unbegrenzter Zeit. Von Kindern, Studium, (großer) Karriere, Selbstverwirklichung, „Ausleben“ (you know what I mean). Alles, zumindest viel war möglich, auch ohne Lotto, nur eben zu seiner Zeit und die kommt erst.

Dann hält das Später aber Einzug, morgen wird zu heute. Natürlich schneller als gedacht. Alles geht im Nachhinein schneller als man denkt. Wir werden ja nie so ganz verstehen, wie lange ein Augenblick dauert, wann einer aufhört und der nächste beginnt.

Dann sieht die Sache anders aus als gedacht. Was gute und schlechte Facetten aufweist; viele Sorgen waren unnötig oder gingen in die falsche Richtung. Dafür sind oft auch Dinge vorgefallen, mit denen man nicht gerechnet hatte.

Die große Ernüchterung. Die Sorge, etwas zu verpassen das es nicht gibt, jedenfalls nicht wie gedacht. Instinktiv hat man es vielleicht geahnt, aber jedenfalls bei den großen Fragen braucht es dann doch Gewissheit. Bittersüße Gewissheit, denn erfüllte Wünsche und gemachte Erfahrungen wollen ersetzt werden. Wunschlosigkeit führt zu Unglück, um Anleihen bei Handke zu nehmen (das Buch habe ich zugegebenermaßen nie gelesen).

Und dieses Ersetzen, so scheint es, wird immer schwieriger. „Will nicht jünger werden, sondern nur wieder naiv“ heißt es bei Fiva („Immer noch“). Das Alter schält bei so vielen die Navität ab. Die braucht es aber, um ihre Cousins Tatendrang und Neugier zu behalten. Und hier wiederum die Cousinen Kreativität und Begeisterungsfähigkeit.

Irgendwann wird die verbliebene Energie dann dafür aufgewendet, den status quo für sich selbst, vor einem selbst zu legitimieren. Den eingeschlagenen Berufsweg, die Wahl des Studiums, das abgebrochene Studium, das neu begonnene Studium, die Beziehung, das Singledasein, die Kinder, die fehlenden Kinder. Sören Kierkegaard könnte mit seinem „ekstatischen Vortrag“ Entweder – Oder von 1843 einer der großen Beatwriter unserer Zeit sein:

Verheirate dich, du wirst es bereuen; verheirate dich nicht, du wirst es auch bereuen. Heirate oder heirate nicht, du wirst beides bereuen. Verlache die Torheiten der Welt, du wirst es bereuen; beweine sie, beides wirst du bereuen. Traue einem Mädchen, du wirst es bereuen; traue ihm nicht, du wirst auch dies bereuen. Fange es an, wie du willst, es wird dich verdrießen. Hänge dich auf, du wirst es bereuen; hänge dich nicht auf, beides wird dich gereuen. Dieses, meine Herren, ist der Inbegriff aller Lebensweisheit.

Natürlich kann man auch eine andere Brille aufsetzen und Kierkegaards Vortrag umdrehen. Statt Reue Genugtuung, Zufriedenheit darüber, ein tätiges Leben (vita activa) geführt zu haben.

So stehen sich zwei Biographieentwürfe gegenüber, selbstredend mit unzähligen dazwischenliegenden Graustufen: Alles Leben ist probieren, regelmäßiges „sich neu erfinden“ und mutig neue Wege beschreiten, jedenfalls, sobald Routine zu Trägheit und Apathie führt. Unabhängig davon, was „die Gesellschaft“ oder auch nur „das Umfeld“ einem vorgibt, auf das leidliche Bauchgefühl hören anstatt pro und kontra-Listen auszufüllen. Wir dürfen scheitern, wir sollen scheitern. „Ich will unter keinen Umständen ein Allerweltsmensch sein … kein ausgehaltener Bürger“ soll Albert Schweitzer gesagt haben.

Auf der anderen Seite wartet die große Sicherheit, ob scheinbar oder nicht, die das verspricht, was wir gemeinhin unter „geregelten Verhältnissen“ verstehen. Stete Rastlosigkeit verträgt sich damit nur schlecht. Am Ende des Tages möchte man, mag der Weg auch das Ziel sein, eben doch irgendwo ankommen. Innen und außen, das Selbst lässt sich ja nicht ohne seine soziale Einbettung denken. Wer sich unentwegt auf Reisen befindet und überall zuhause ist oder sein möchte, findet es oft genug dann doch nirgends.

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