Der Mann ohne Eigenschaften und die „Generation Y“

Einmal mehr: Der Mann ohne Eigenschaften nimmt so vieles von dem vorweg, was wir heute debattieren. Das Kapitel „Die Siamesischen Zwillinge“ (lesbar über Projekt Gutenberg) könnte auch aus dem Jahr 2016 stammen. Ein paar Auszüge.

Das große Thema „Selbstliebe“ und Liebe zu anderen; die grassierende, pseudo-pathologisierende „Beziehungsunfähigkeit“:

Du mußt wissen,« begann er seiner Schwester zu erzählen »daß ich eine Art von Eigenliebe nicht kenne, ein gewisses zärtliches Verhältnis zu mir selbst, das scheinbar den meisten anderen Menschen natürlich ist. Ich weiß nicht, wie ich das am besten beschreibe. Ich könnte zum Beispiel sagen, daß ich immer Geliebte gehabt habe, zu denen ich in einem Mißverhältnis stand. Sie sind Illustrationen zu plötzlichen Einfällen gewesen, Karikaturen meiner Laune: also eigentlich nur Beispiele meines Unvermögens, in natürliche Beziehungen zu anderen Menschen zu treten. Schon das hängt damit zusammen, wie man sich zu sich selbst verhält. Im Grunde genommen, habe ich mir immer Geliebte ausgesucht, die ich nicht mochte«

Die Selbsterhöhung der Narzissten, die von sich glauben, einen besonderen Platz in der Welt(-Geschichte) einzunehmen, auch wenn sie nicht wissen, welchen. Dazu die große Leidenschaftslosigkeit, der fehlende Ernst in Sachen Leben:

Und die ursprünglichste und einfachste Idee, wenigstens in jüngeren Jahren, ist schon die, daß man ein verfluchter und neuer Kerl sei, auf den die Welt gewartet habe. Aber über das dreißigste Jahr hält das nicht vor!« Er überlegte einen Augenblick und sagte dann: »Nein! Es ist so schwer von sich selbst zu reden: eigentlich müßte ich ja gerade sagen, daß ich nie unter einer dauernden Idee gestanden habe. Es fand sich keine. Eine Idee müßte man lieben wie eine Frau. Selig sein, wenn man zu ihr zurückkehrt. Und man hat sie immer in sich! Und sucht sie in allem außer sich! Solche Ideen habe ich nie gefunden. Ich bin immer in einem Mann-Mannesverhältnis zu den sogenannten großen Ideen gestanden; vielleicht auch zu den mit Recht so genannten: Ich glaubte mich nicht zur Unterordnung geboren, sie haben mich gereizt, sie zu stürzen und andere an ihre Stelle zu setzen. Ja, vielleicht bin ich gerade von dieser Eifersucht zur Wissenschaft geführt worden, deren Gesetze man in Gemeinschaft sucht und auch nicht für unverbrüchlich ansieht!« Wieder hielt er ein und lachte über sich oder seine Schilderung. »Aber sei das wie immer,« fuhr er ernst fort »jedenfalls habe ich es auf diese Weise, daß ich keine oder jede Idee mit mir verbinde, verlernt, das Leben wichtig zu nehmen. Es erregt mich eigentlich weit mehr, wenn ich es in einem Roman lese, wo es von einer Auffassung geschürzt ist; aber wenn ich es in seiner vollen Ausführlichkeit erleben soll, finde ich es immer schon veraltet und altmodisch-ausführlich und im Gedankengehalt überholt. Ich glaube auch nicht, daß das an mir liegt. Denn die meisten Menschen sind heute ähnlich. Zwar täuschen sich viele eine dringliche Lebensfreude vor, nach der Art, wie man die Volksschulkinder lehrt, munter durch die Blümelein zu springen, aber es ist immer eine gewisse Absichtlichkeit dabei, und sie fühlen das. In Wahrheit können sie einander ebenso kaltblütig morden, wie herzlich miteinander auskommen. Unsere Zeit nimmt die Geschehnisse und Abenteuer, von denen sie voll ist, ja sicher nicht ernst. Geschehen sie, so erregen sie. Sie stiften dann auch sogleich neue Geschehnisse, ja eine Art Blutrache von solchen, ein Zwangsalphabet des B- bis Z-Sagens, weil man A gesagt hat. Aber diese Geschehnisse unseres Lebens haben weniger Leben als ein Buch, weil sie keinen zusammenhängenden Sinn haben.«

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3 Gedanken zu “Der Mann ohne Eigenschaften und die „Generation Y“

  1. Leidenschaftlos vielleicht. Eigenschaftlos vielleicht auch (Es ist schon witzig, wie mehr Individualismus und mehr Möglichkeiten denn jem scheinbar zu mehr Konvergenz führt). Aber den fehlenden Ernst würde ich der Generation Y nicht unbedingt vorwerfen wollen. Da wären die einen, die bereits zu Schulzeiten unter dem Leistungsdruck litten und aus Angst besser vorbereitet sind als jemals jemand zuvor. Diejenigen, die sich komplett über ihren Beruf identifizieren und ihr Leben komplett darauf ausgerichtet haben. Und die diejenigen wie mich, die denken, dass zu viel Ernst nicht zur Produktivität beiträgt. Ist das Arbeitsleben mit seinen strengen Regeln und Formalitäten nicht gestellt? Das bedeutet schlußendlich doch nur mehr Arbeit – die Arbeit an sich, und die Arbeit, die man darin investiert, sich selbst zu verbieten.

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    1. ist sowieso immer so eine Sache mit der Generation Y; ich selbst kann jedenfalls oft genug keinen Ernst hinter all diesen Dingen sehen, die uns tagaus tagein beschäftigen. Vielleicht bin ich damit aber einsamer als ich es wahrhaben will

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