Zur Banalität der Liebe

C’est quoi l’amour ? Wir wissen es nicht. Genau deswegen wird so viel darüber geredet. Dabei oszillieren wir zwischen illusorischen Vorstellungen und der Nüchternheit des Alltags. Ein paar Zeilen zur Banalität der Liebe.

Die manisch-mythologische Erhöhung der Liebe kennt man aus Hollywoodfilmen, weinerlichen Popsongs und Romanen, die man in Bahnofs- und Flughafenbuchhandlungen kauft. Das immer wieder aufs Neue produzierte Bild hat sich dementsprechend ins kollektive Bewusstsein eingefressen: Die übergroße Verliebtheit auf den ersten oder spätestens zweiten Blick, dazwischen ein bisschen Drama, gerne mal auch leidenschaftlich bis unwirkliche Geschlechtsakte und am Ende die große Rettungsaktion. Wenn das glückliche Pärchen nicht gestorben ist, dann lebt es noch heute.

Genau an diesem Punkt, also nach dem dramatischen Finale, setzt die Banalität der Liebe ein. Alltag und Realität erscheinen im Kontrast zum auf Leinwänden und in Buchseiten produzierten Bild ja als regelrechte Schreckgespenster. Die große Schlacht der Normalität gegen das, was sich zumindest „ein bisschen wie im Märchen“ anfühlen soll.

Der ideale Partner

Dabei regieren zwei simple Einsichten: Zum einen kann und soll der Partner nicht perfekt sein. Er ist nicht dazu da, alle Bereiche vollständig abzudecken, alle Bedürfnisse zu befriedigen oder einen gar zu „retten.“ Um es mit Alain de Botton zu sagen

„Sie müssen sich eingestehen, mit der falschen Person verheiratet zu sein … Die neue Religion heute ist, perfekt zu sein. Alles muss perfekt sein, und unser Partner erst recht. Ist er es nicht, werden wir wütend, bitter …“Viele glauben, wenn sie entdecken, dass ihr Partner nicht so ist, wie sie sich ihn vorgestellt haben, sei dies das Ende der Liebe.“

De Botton zufolge entscheidet vor allem die gegenseitige Anziehungskraft und die bewusste Entscheidung für den Partner; gleichzeitig gilt es, überromantisierende Vorstellungen von Liebe und Beziehung aufzugeben (siehe seinen Artikel in der New York Times „Why you will marry the wrong person„):

We need to swap the Romantic view for a tragic (and at points comedic) awareness that every human will frustrate, anger, annoy, madden and disappoint us — and we will (without any malice) do the same to them. There can be no end to our sense of emptiness and incompleteness. But none of this is unusual or grounds for divorce. Choosing whom to commit ourselves to is merely a case of identifying which particular variety of suffering we would most like to sacrifice ourselves for. […]

The person who is best suited to us is not the person who shares our every taste (he or she doesn’t exist), but the person who can negotiate differences in taste intelligently — the person who is good at disagreement. Rather than some notional idea of perfect complementarity, it is the capacity to tolerate differences with generosity that is the true marker of the “not overly wrong” person. Compatibility is an achievement of love; it must not be its precondition.

Die Banalität der Liebe

Damit kommen wir auch schon zum nie gedrehten beziehungsweise nie geschriebenen zweiten Teil der ach so romantischen Herzschmerz-Stories: Die bittere Erkenntnis der Normalität, ja mitunter gar der Borniertheit des Beziehungslebens. Überspitzt ausgedrückt: Lange Arbeitstage, Warten aufs Wochenende, Hass auf den Montag, Couch und Fernseher, ab und an mal ins Kino oder ins Theater, vielleicht ein nettes Essen (das Geschlechtliche sei an dieser Stelle bewusst ausgeklammert). Dazu noch das Damoklesschwert in Form von Kindern, diesen großen Beziehungstötern, die uns unterm Strich angeblich (Studien und so, eh schon wissen) nur unglücklich machen (restlos geklärt ist diese Frage allerdings immer noch nicht).

Das echte Leben, diese Banalität der Liebe. Auch sie schafft es, selten, aber doch, in die Popkultur. Die vielleicht beste Verarbeitung finden wir in Linklaters „Before Midnight“; (hier ist der letzte Teil ausnahmsweise mal der beste): Streit (und was für einer, Ali gegen Frazier war nichts dagegen), Unsicherheiten, Betrug, das Aufgeben von Träumen und die Mühen des Familienlebens. Abgerundet von einem Gänsehaut-Schlussdialog zwischen dem ehemaligen Traumpaar, der ganz ohne absurde bis eigentlich als Stalking anzusehende Gesten wie „jemandem nachfliegen“ auskommt:

Jesse: You’re just like the little girls and everybody else. You wanna live inside some fairy tale. I’m just trying to make things better. I tell you that I love you unconditionally, I tell you that you’re beautiful, I tell you that your ass looks great when you’re 80. I try to make you laugh.
Celine: Ok.
Jesse: All right, I put up with plenty of your shit. And if you think I’m just some dog who’s gonna keep coming back, then you’re wrong. But if you want true love, then this is it. This is real life. It’s not perfect, but it’s real. And if you can’t see it, then you’re blind, all right, and I give up.

Hier liegt die große Stärke des Films, zeigt er doch, dass „a relationship strong enough to withstand the fallout of those actions is infinitely more impressive than the entirely harmonious one of romantic imagination“ um es mit einer Filmrezension aus dem Atlantic zu sagen (und dass der Atlantic sich dem Film widmet, will was heißen!). Genau das ist es, was sich hinter Glückskekse-Botschaften a la „viele Menschen versäumen das kleine Glück, während sie auf das große vergebens warten“ verbirgt. Oder hinter de Bottons Hinweis, surreal-überromantische Vorstellungen gegen ein anderes, aber nicht zwangsläufig weniger wohliges Verständnis von Beziehungen einzutauschen. Die Banalität der Liebe macht sie nicht schlechter, sondern anders. Eben „nicht perfekt, aber echt“.

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