Nein, 30 ist nicht das neue 20

„3o ist das neue 20“ bekommt der angehende 30-jährige oft zu hören. Dabei handelt es sich jedoch um eine von Menschen „um die 30“ erfundene und leidlich propagierte Lüge. 30 ist nicht das neue 20. 30 ist einfach 30.

Schwer zu sagen, wer mit dem „30 ist das neue 20“-Gerede angefangen hat und wann. Er oder sie hat jedenfalls einen Nerv getroffen. Die Alten wollen jung sein, die Jungen jung bleiben. „Wir“ (ja, ich weiß, aber man kann ja nicht immer differenzieren) idealisieren die jungen Jahre mitunter mehr als jede andere Zeit.

Wenig verwunderlich, dass wir diese Phase möglichst ausdehnen wollen. Wer gute Begründungen sucht, wird sie finden, allen voran die steigende Lebenserwartung. Wenn man älter wird als frühere Generationen, können sie und ihre Erfahrungen zwar als Orientierung, aber eben nicht als quasi-verbindliche Vorgabe dienen. Es ist dann schon in Ordnung, wenn man „um die 30“ noch Praktika macht, in einer WG wohnt und von großen Themen wie Familiengründung so weit entfernt ist wie Red Bull Salzburg von einer Champions League-Teilnahme (für jene, die nur mäßiges Interesse für den österreichischen Fußball aufbringen verspüren: sehr weit). Wer mit guten 80+ Jahren Lebenszeit rechnen darf, hat eben einen anderen Zeithorizont. Was tut es da zur Sache, wenn die eigenen Eltern im selben Alter schon 2 Kinder, Auto und Haus mit weißem Lattenzaun hatten (überspitzt formuliert, oft genug war es dann doch nur eine Gemeindewohnung); einen fixen Job frei von Angst vor Arbeitslosigkeit, weil das Angebot-Nachfrage-Verhältnis sich so eingependelt hat, dass man grundsätzlich keine Angst vor einer ungebührlich langen Auseinandersetzung mit AMS & ähnlichen Schreckgespenstern zu haben braucht.

Aber der „30 ist das neue 20“-Mythos birgt so seine Gefahren (siehe dazu vor allem das Buch „Why your Twenties Matter“ von Meg Jay). Allein schon biologisch ist die Sache nicht so einfach. Ab 30 nimmt die Fruchtbarkeit nun einmal kontinuierlich ab, mit dem Alter erhöht sich das Risiko einer Fehlgeburt beziehungsweise von Fehlbildungen. Ebenso wird immer mehr am Mythos des bis ins hohe Alter zeugungsfähigen Mannes gekratzt. Und, mal ehrlich: Will man mit Mitte 50 ein schwer vor sich hin pubertierendes Kind? Davon abgesehen ist das mit den hohen Altersunterschieden auch in Beziehungen so eine Sache, die einen unweigerlich und umso schwerwiegender mit dem fortgeschrittenen Alter konfrontiert (man lese einen Houellebecq-Roman).

Auch für die zahlreichen anderen großen Themen, von Studium/Berufsausbildung und, damit einhergehend, Karriere bis hin zu Freundschaften oder eben Beziehungen sind die 20er entscheidend. Natürlich kann man sein Leben jederzeit ändern, gerne – bei entsprechenden Leidensdruck oder umgekehrt stark ausgeprägter Motivation – auch grundlegend. Aber es wird schwieriger, das Gewohnheitstier Mensch bricht eben auch mit unliebsamen Routinen nur  ungern. Wir passen uns obendrein unserem Umfeld an, also gilt es, bei neuen oder etwas länger dauernden Ausbildungswegen, neue – jüngere – Freunde zu suchen oder das Risiko einzugehen, sich zumindest ansatzweise von den alten zu entfremden. Wobei es zu bedenken gilt, dass später geschlossene Freundschaften nur schwer dieselbe Intensität wie die alten erreichen: „Freundschaft entsteht wenn man was gemeinsam was erlebt“ sagt der abgedroschene Kalenderspruch, insbesondere in der Zeit, in der Erlebnisse aufgrund ihres Neuheitsgehalts noch eine andere Qualität für einen haben. Es hat schon seine guten (auch neurologischen) Gründe, weswegen wir uns ein Leben lang so intensiv an die Jugend erinnern.

30 ist eben einfach nur das neue 30. Mit Vor- und Nachteilen, gerne auch mit einer kleinen bis mittelgroßen Sinnkrise. Aber, und das ist die entscheidende Botschaft für die „Twens“ von heute: So viel Zeit, wie viele tun, hat man für gewisse Dinge auch wieder nicht.

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