Filmkritik: Lou Andreas-Salomé

Manchmal ist man naiv. Wenn man ins Filmcasino strömt, um den Salomé-Film inklusive Diskussion mit den Machern zu sehen, ohne eine Karte zu reservieren/vorab zu kaufen. Dann muss man was anderes machen. Gesehen habe ich den Film etwas später aber dennoch. Ein paar wenige Gedanken dazu.

Das Leben der sagenumwobenen Lou Andreas-Salomé: Welch ein Thema, perfekt für unsere Zeit. Eine starke Frau, wie sie im Buche steht. Eigenwillig ab Geburt, philosophisch beflissen wie nur was und auf du und du mit vielen Größen ihrer Zeit. Eine Zeit, die heute (und auch im Film) jedenfalls in Bezug auf gesprochene und geschriebene Worte romantisch-verklärt-idyllisch daherkommt: Kleine Salons, bewegende Lesungen, bei denen niemand aufs Smartphone blickt, die Beschäftigung mit der Philosophie der Philosophie beziehungsweise der Erkenntnis wegen. Stundenlanges Studium aus Wissenshunger, kein „was will ich damit mal machen“, kein „werde ich damit berühmt.“ Streitgespräche und Diskussionen als Lebenselixier für Geistesgrößen, die selbst den Gang aufs Klo wortgewaltig ankündigen.

Hier liegt eine der großen Schwächen des Films, zumindest könnte man eine solche darin sehen: Die Gespräche wirken allesamt hölzern, fast so, als hätte man versucht, möglichst viele Originalzitate aus Briefen oder sonstigen Schriften von Nietzsche, Ree, Andreas, Rilke und natürlich Salomé selbst einzubauen (vielleicht hat man das auch, bei der Diskussion hätte ich es sicher erfahren, aber da war ich ja nicht). Aber vielleicht haben die Geistesmenschen von damals ja auch wirklich so miteinander parliert, zumindest zeitweise. Heute, wo bisweilen Präpositionen weggelassen werden, wäre das freilich äußerst anstrengend.

Die Schwäche ist freilich zugleich eine Stärke: So manch nettes Zitat, das sich einprägt, schmuggelt sich so in die bedeutungsschwangeren Dialoge. Wenn Nietzsche davon spricht, wie anstrengend so ein Leben ohne Gott und Glauben doch nicht sei, trifft er damit freilich einen Nerv unserer sinnsuchenden Zeit. Wenn es keinen Gott gibt, kein Leben nach dem Tod, was gibt es dann? Ja, dann müssen wir uns Ersatzgötter suchen oder eben – frei nach Köhlmeiers Telemach – so tun, als ob es das alles gäbe.

Eine zweite große Schwäche, die allerdings ohne gegenüberliegender Stärke auskommen muss, sind die teils überzeichneten Szenen. Die junge, störrische Lou, die in der Kirche laut schreit, dass, wenn Gott überall ist, er auch in der Hölle sein müsste, um sogleich aufzustehen und hinauszustürmen. Wo es natürlich regnet, so viel Theatralik muss schon sein. Die spätere Lou, die mit Nietzsche im Wasser planscht oder mit Rilke im Heuhaufen spielt. Ja, das hatte schon etwas Überzeichnetes an sich, nicht nur der Akt selbst, sondern auch die Art des Aktes.

Doch der wahre Vorwurf, den man dem Film machen kann, liegt in seiner Schwerpunktsetzung. Salomé wird als große Verführerin wider Willen porträtiert. Sie will sich nicht geißeln lassen, keine Ehe eingehen, ja selbst das Körperliche verweigert sie lange, und verdreht den großen Männern um sie herum vielleicht gerade deswegen so den Kopf. Ein wenig bleibt der Film damit dann doch im femme fatale-Genre stecken. Salomé existiert als Spiegelbild zu den männlichen Geistesgrößen um sie herum. Dadurch rückt jedoch ihr Werk wie auch das Revolutionäre etwas in den Hintergrund. Fraglich, ob Lou Andreas-Salomé selbst das gutgeheißen hätte.

Sehenswert ist der Film freilich dennoch, alleine wegen des Themas, alleine wegen so mancher Zitate und Dialoge und der darin vorkommenden historischen Figuren. Ein wenig nostalgisches Denken an eine gute alte Zeit, in der Dichtung noch Dichtung und Erkenntnissuche noch Erkenntnissuche war, kann auch nie schaden.

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