Krisen. Zeiten.

Die Krise scheint derzeit hinter jedem bedeutungsschweren Wort zu lauern: Egal, ob Wirtschaft, Demokratie, (Rechts- oder Sozial-)Staat, Flüchtlinge oder einfach nur Sinn und  Leben. Je länger sie besteht, desto eher dreht sie allerdings das Norm-Ausnahmezustand-Verhältnis um.

Die Hochkonjunktur der Krise gibt eigentlich Anlass für ein bisschen Zweckoptimismus: „Eine Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihr nur den der Katastrophe nehmen.“ soll Max Frisch ja gesagt haben. Also begeben wir uns auf die Suche nach dem Positiven: Krise bedeutet ursprünglich lediglich Umbruch, Veränderung, Wandel, in der Medizin „entscheidende Wendung“ einer Krankheit, ohne den Ausgang vorwegzunehmen.

Erst im 18. Jahrhundert geht es in in Richtung Gefahr.  Immer fließt alles, in Krisenzeiten allerdings hinab: Die Zeit, Menschen, Orte. Große Fragen stellen sich dringlicher als sonst. Unaufschiebbares ist endgültig hereingebrochen.

Veränderung schmeckt nicht. Wir mögen den status quo, teilweise bis zur Verliebtheit oder gar zur Liebe. Jedenfalls bis zum kogntiven bias, der verzerrten Wahrnehmung: Was einmal ist, ist gut, relativ unabhängig davon, was und wie es ist.

Krise sagt uns, dass das Beste schon war oder jetzt gerade passiert. Es ungemütlicher wird, kälter, stürmischer, regnerischer, dünkler. Wenn das Postulat vom Wirtschaftswachstum sein Ende findet. Der Staat nicht mehr das hält, was viele sich von ihm versprochen haben. Flüchtlinge als die erste große von außerhalb Europas hereinbrechende Bedrohung seit der zweiten großen Türkenbelagerung wahrgenommen werden.

Über alledem thront die große Krise im eigenen Kopf, die größere gesellschaftliche Krisen bei den einen größer und bei den anderen kleiner erscheinen lassen kann. Alters- oder lebensabschnittsbedingt die Frage, wie lange es noch so weitergeht. Ob noch was kommt und was. Manch einen zerkaut das Hamsterrad, das einem oft gehörten Spruch zufolge ohnehin nur von innen aussieht wie eine Karriereleiter.

Heute wissen wir, was früher erst im Anmarsch war. Ewig quält die Ungewissheit. Ehemals Sakrosanktes steht zur Disposition: Der Sozialstaat könnte einbrechen, die Pensionen hält kaum jemand für sicher, die Wirtschaftskrise ist bei näherer Betrachtung immer noch nicht gelöst, der ewige soziale Frieden könnte bald ausgedient haben.

Hier beginnt dann die ganz große Krise. Wenn negative Stimmungen nicht mehr einem kleinen ewig-pessimistischen Kreis betrifft, sondern eine ganze Gesellschaft zumindest über ein gewisses Maß hinaus in Beschlag nimmt.

Nicht nur all good things come to and end (Nelly Furtado), sondern auch schlechte. Irgendwann ist der tiefste Punkt erreicht, von dem aus es simpel betrachtet nur noch aufwärts gehen kann. Wann dem so ist, weiß man allerdings erst frühestens beim Aufstieg. Um ein tagespolitisches Beispiel zu nennen: Aus Aleppo werden dieser Tage, um die 4 1/2 Jahre nach Beginn des Krieges in Syrien (wobei die Unruhen bereits Anfang 2011 einsetzten) die schwersten Angriffe vermeldet. Geht es schlimmer? Immer sagt das Sprichwort und was sich reimt, scheint zu stimmen (der rhyme-as-reason effect).

Bleibt die Hoffnung, die bekanntlich zuletzt stirbt. Wobei der dem Zeitgeist so entsprechende chronische Pessimist anmerkt, dass sie in der griechischen Mythologie dennoch stirbt. Die Büchse der Pandora wird geschlossen, ehe sie entweichen kann. Die Hoffnung bleibt, obwohl sie eigentlich hinaus muss. Vielleicht ist die Hoffnung mit Nietzsche gesprochen allerdings auch ein Übel, das uns dazu antreibt, immer wieder aufs Neue nach der Qual zu streben:

Zeus wollte nämlich, dass der Mensch, auch noch so sehr durch die anderen Übel gequält, doch das Leben nicht wegwerfe, sondern fortfahre, sich immer von Neuem quälen zu lassen. Dazu gibt er dem Menschen die Hoffnung: sie ist in Wahrheit das übelste der Übel, weil sie die Qual der Menschen verlängert

Die Wahrnehmung nachfolgender Generationen wird eine andere sein. Wer während der Krise aufwächst, sieht nicht viel Außergewöhnliches an ihr, stellt Norm- und Ausnahme-Verhältnis auf den Kopf. Dann muss die Krise auch gar nicht faktisch verschwinden, zumal nicht einmal klar ist, ob sie überhaupt tatsächlich besteht; dann reicht es, wenn sie sich nicht in den Köpfen einnistet. Bleibt die Frage, wie man sie wieder ausnistet.

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