Das große „downshifting“

Weniger arbeiten, weniger Geld, dafür mehr Freizeit und Entspannung: Man nennt es „downshifting“ (wieder so ein fancy catchword) und es könnte durchaus immer weiter um sich greifen. Woher kommen derartige Trends und was sagen sie aus?

„Ich wünschte, ich hätte weniger gearbeitet“ steht mit gutem Grund ganz oben auf der Liste der Dinge, die Menschen am Ende ihres Lebens am meisten bereuen (siehe dazu den Artikel „The Top Five Regrets of the Dying“ von Bronnie Ware; sie hat, wohl beflügelt vom enormen Interesse für ihren Artikel, auch ein Buch gmorgenmachichblaueeschrieben, das imho allerdings leider nur mäßig interessant und etwas zu autobiographisch ist). Wer kennt es nicht, das Klischee vom Geschäftsmann, der seine Kinder und Enkelkinder viel zu wenig gesehen hat und sich Vorwürfe anhören muss, ihnen zwar materiell alles geboten zu haben, aber eigentlich nie so richtig dagewesen zu sein. Eine Erkenntnis, die oft zu spät kommt: Wenn die Kinder keine Kinder mehr sind, wenn man sich wundert, weshalb sie zum Therapeuten laufen oder überhaupt erst am Sterbebett.

Auch wenn YOLO (für „You Only Live Once“, falls es jemand noch immer nicht kennt) mittlerweile wieder außer Mode gekommen sein soll (so genau weiß man das ab einem gewissen Alter ja nicht mehr bzw. muss man den jugendlichen Insidern im persönlichen Umfeld Glauben schenken), bleibt das damit verbundene kollektivpsychologische und soziologische Grundgefühl erhalten: Du lebst nur einmal, also mach was draus, auf das Leben nach dem Tod ist kein Verlass.

Natürlich will nicht jeder „downshiften.“ „Karriere machen“ steht im YOLO-Restaurant immer noch auf der Speisekarte. Aber viele suchen ihre Erfüllung verstärkt anderswo und möchten beziehungsweise können sich am Arbeitsplatz nicht so weit selbst verwirklichen, dass die Grenze zur Freizeit aufgehoben oder zumindest porös wird. Viele sehen Arbeit nur als ein Mittel zum Zweck, „von irgendwas muss man ja leben.“ Je unattraktiver und/oder zeitintensiver eine Tätigkeit, desto weniger greifen dann monetäre Anreize.

Denn auch die anderen großen, bei näherer Betrachtung oftmals so viel größeren Dinge brauchen ihren Platz im engen Zeitkorsett: Familie (gründen), verreisen, Freunde treffen, gut essen. Momente genießen, etwas erleben oder einfach nur: Leben, so banal es auch klingt. „Collect Moments, not things“ steht auf einem der Bilder mit supertiefgehenden Sprüchen, die so gerne via Facebook geteilt werden (wo wir schon beim Banalen sind). Die Momente, auf die es ankommt, an die man sich am Ende des Tages erinnert. An die man sich mit Wehmut erinnert, bevor sie vorüber sind. Wenn man für einen Tag wohin fliegt, um einen geliebten Menschen wenigstens kurz zu sehen; man sich spontan nach einer durchgemachten Nacht zu einem Städtetrip entschließt. Man in einem  fernen Land kein Hotel oder Hostel findet und daher im Nirgendwo übernachtet. Abenteuergeschichten, die man auch Jahrzehnte später erzählt und die mit jedem Male ärger werden, bis man selbst nicht mehr weiß, ob sie sich wirklich so zugetragen haben. Aber wen kümmert das schon.

Das Leben ist kurz, ziemlich kurz (für das ultimative „oh my god, mir läuft die Zeit davon“-feeling bitte hier klicken). Die simple psychologische Erkenntnis, dass die Zeit im Alter tatsächlich immer schneller vergeht, tritt erschwerend hinzu:. Die gefühlte Lebensmitte liegt angeblich (siehe hier) bei der Volljährigkeit (!) Wenig verwunderlich, dass die Jahre, die einem noch bleiben, entsprechend genutzt werden wollen. Vom Bürosessel aus ist das freilich eher schwierig.

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