Weihnachten: Reality Check

Heute wird gefeiert. Wie jedes sich stetig wiederholende Ereignis auch ein Reality Check: Wo war man die letzten Jahre und mit wem? Wo ist man jetzt und wer ist sonst noch da? Wohin geht es zum nächsten Weihnachtsfest?

Jährlich grüßt das Weihnachtstier. Die Zeit ist wiedermal ach so schnell vergangen, früher, als Kind war das ja immer eine gefühlte Ewigkeit. Die Christkindlmärkte haben auch dieses Jahr wieder ach so früh aufgesperrt, auch dieses Jahr ist bei vielen „irgendwie keine Weihnachtsstimmung“ aufgekommen, auch dieses Jahr hat Whams „Last Christmas“ die musikalischen Geschmäcker gespalten, auch dieses Jahr haben die einen damit geprahlt, dass sie ihre Geschenke schon früh besorgt haben, während die anderen mal wieder alles in buchstäblich letzter Sekunde besorgt haben, inklusive Verlegenheitsgeschenke (spontan fallen einem die Douglas-Wohlfühlkörbe ein, mit Body Lotion, Badesalz und irgendwas Ätherischem, alles schön verziert).

Wobei älter werden natürlich auch bedeutet, dass man die simple Erkenntnis, dass die schönsten Dinge und wichtigsten Dinge im Leben ohnehin nicht per Einkauf geschenkt werden können, nicht nur gehört, sondern auch verinnerlicht hat.

Weihnachten, Geburtstag, Silvester. Das Triumvirat der großen Routinehandlungen im Leben. Anlässe, bei denen man sich erinnert beziehungsweise erinnern kann, wie man sie in den letzten Jahren begangen hat (bei den Polen kommt Namenstag hinzu, wieder andere begehen Ostern etwas intensiver als der Rest).

„Und wie verbringst du Weihnachten?“ – Smalltalk fällt in der Vorweihnachtszeit um einiges einfacher als sonst. Auch das bemüht-versöhnliche Verabschieden ist ein Leichtes, selbst seinen größten Feinden wünscht man lächelnd frohes Fest und guten Rutsch. Das kollektive Begehen derselben Festivität hat schon etwas leicht-Rauschhaftes an sich, man extrapoliert schlichtweg die eigene festiv-besinnliche Stimmung auf den Rest der Welt. Wie kann es da sein, dass Menschen streiten oder Kriege führen?

Womit einem die schöne und zugleich gruppenpsychologisch-ernüchternde bis erschreckende Geschichte vom Weihnachtsfrieden in den Sinn kommt. Weihnachten 1914, Frühphase des Ersten Weltkriegs, die Fronten in den Schützengräben bereits eingefroren. Dann passiert es, an der Westfront feiern britische und deutsche Soldaten Weihnachten statt Krieg: „Friede von unten“ kann man das nennen, ein Sinnbild für die Kantsche Grundannahme, dass die Menschen als solche friedlich sind beziehungsweise wären, wenn sie nur nicht von kriegstreiberischen, nicht-repräsentativen Regierungen in den Krieg entsandt würden. So wurde auch der Weihnachtsfrieden auf Anordnung von oben und gegen den inneren Widerstand der gerade noch miteinander zusammensitzenden und miteinander singenden Soldaten wieder beendet. Wenn man Schüsse hört, ist die night nicht mehr silent und schon gar nicht holy.

Doch zurück zum eigentlichen Thema. Bei sich jährlich wiederholenden Abläufen fällt vieles erst auf, wenn etwas oder jemand fehlt. Die Weihnachtsglückwünsche von Menschen ausbleiben, die einmal eine prägende Rolle gespielt haben. Manche hat die ganze Welt verloren, manche hat man verloren, obwohl sie noch leben, manche waren eigentlich nie da. Über alledem thront das Gespenst der Einsamkeit. Niemand will allein sein, nicht jetzt und nicht im Alter. Einsamkeit ist eine Krankheit, die auch auf den Körper überschwappt. Es gibt wohl kaum ein traurigeres Bild als Menschen, die zu Weihnachten alleine und vergessen in sozialer Isolation fristen. Ein Schreckensszenario, das manche zur Fortpflanzung veranlassen soll: Kinder bieten zwar keine vollständige Anti-Einsamkeitsversicherung, bieten aber immer noch eine gewisse Sicherheit. 100% gibt es sowieso nie im Leben.

Ebenso fällt es auf, wenn Routinen ausbleiben. Sich jemand die Organisation einer größeren weihnachtlichen Zusammenkunft einfach „nicht mehr antun“ will. Vielleicht der Routine müde, vielleicht bestand das Gefühl der Undankbarkeit, das sich gerne bestätigt, wenn keiner die klaffende Lücke füllt. Mutmaßungen, so ganz kann man das von außen oft nur schwer sagen. Es gibt viele Gründe, anstrengende Festivitäten ausbleiben zu lassen.

Umgekehrt kann natürlich etwas hinzutreten. Neuzuwächse im unmittelbaren Umfeld, wenn vor einem Jahr noch nicht beziehungsweise nur flüchtig gekannte Menschen das Leben bereichern (oft entreichern es freilich auch);  Freunde, Bekannte oder (Arbeits-)Kollegen und natürlich Familienzuwachs in der eigenen oder befreundeten Familien. Manche Paare haben sich vielleicht überhaupt in Familien verwandelt.

Ab und an gibt es zaghafte Ansätze des Wandels, der Herausbildung neuer Routinen. Wenn die jüngeren an die Stelle der älteren treten, die Last abnehmen oder sie zumindest teilen. „Dieses Jahr sind wir bei den Hubers“[stellvertretende, rein-willkürliche Namensgebung, ebenso könnte hier „Mustermanns“ stehen].

So bleibt Weihnachten der große Reality Check. Wirft die alljährliche Frage auf, wo man steht und wer einen umgibt. Wer einem gratuliert, wer Glückwünsche und -karten erhält. Wen man an diesem Tag sogar sieht, wer einen zu sich nach Hause einlädt beziehungsweise wen man vielleicht selbst einlädt. Wo man schon einmal war und vielleicht nie mehr hingehen wird. Aber auch, wo man nächstes Jahr sein könnte. Manches soll sich nicht ändern. Manches wird sich dennoch ändern. Frohe Weihnachten, wir lesen uns nächstes Jahr (vielleicht).

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