Klassen. Treffen.

Es gibt sie noch, die Klassentreffen. Selbst wenn man via Facebook verbunden ist und folglich ohne persönlichen Kontakt so einiges über die ehemaligen Mitschüler weiß. Ein echtes Update braucht ebenso den realen Raum wie das kollektive Zusammensetzen des Erinnerungs-Puzzles.

Das virtuelle Klassentreffen

Facebook ist ja der Ort, an dem man mit allen möglichen Menschen „befreundet“ sein kann, die eigentlich keine Freunde, ja nicht einmal Bekannte sind. Facebook hat zu einer Inflationierung des Freundschafts-Begriffs geführt. Vielleicht hätte man es „Kontakte“, oder „Verbindungen“ nennen sollen. Die Timeline ist eine Ansammlung von allem, was Menschen für teilenswert und teilbar erachten. Jeder für sich, manche geben alles preis, andere sehr viel, wieder andere kaum etwas oder nichts. Den Rest übernimmt der mythologische Facebook-Algorithmus, der uns bei entsprechender Datenlage besser kennen soll als die uns am nähesten stehenden Menschen.

Daher tumeln sich auf der Timeline auch ehemalige Mitschüler. Unabhängig davon, wie gut man sie kannte, wie lange man in derselben Klasse gesessen hat, können manche mehr Raum einnehmen als andere. Die großen Ereignisse erhalten eine neue halbe Öffentlichkeit. Hochzeiten und Kinder sind ganz vorne, da ist ein „like“ schon fast so etwas wie Pflicht. Jobwechsel, Anekdoten aus dem eigenen Leben, Bilder von Weihnachtsbäumen, Urlauben, vom Fortgehen und dergleichen generieren schon weniger Trubel. Mit steigender Teilfrequenz nimmt oft das Interesse ab. Umgekehrt wird Facebook mittlerweile weniger genutzt. Es ist zum fixen Bestandteil geworden, aber die Faszination oder auch einfach nur die Lust am Hochladen und Teilen scheint bei vielen dahin. Irgendwann setzt bei allem die leidige Gewohnheit ein, vielleicht hat sich doch auch so etwas wie Sorge um die eigene Privatsphäre eingestellt. Jedenfalls laden die Menschen immer weniger persönliches Material hoch.

Die großen Neuigkeiten

Damit bleiben manch Überraschungen aus dem Leben der anderen aus. Man weiß bereits. Die großen Neuigkeiten drängen ohnehin auf den eigenen Bildschirm. Hatte man früher die ehemaligen Klassenkollegen jahrelang oftmals nur selten bis gar nicht gesehen und allenfalls über mehrere Ecken manch Gerücht vernommen, bleibt der Kontakt nun irgendwie erhalten. Das „hast du gehört“, „ihm oder ihr ist das und das passiert“ wurde durch Bilder Status-Updates oder Nachrichten ersetzt, ehe das zarte Messenger-Kontaktband wieder gerissen ist.

Dennoch trifft man sich im Realen, im Wirtshaus, einer Bar oder einem Restaurant. Vielleicht weiß man doch nicht so viel über die anderen oder jedenfalls nicht über alle. Wie gesagt, nicht jeder ist allzu teilfreudig und umgekehrt nicht jeder so informationsbedürftig. Manche scrollen die Timeline entlang, manche gehören eher dem Lager der Datenleichen an. Abgesehen davon: Ein genuines Update über die ehemaligen Begleiter braucht mehr als die Abziehbilder des Web 2.0.

Alte Dynamiken

Außerdem entwickelt ein Treffen in der Gruppe stets eigene, oft auch dieselben oder jedenfalls ähnliche Dynamiken wie back in the days. Der Wirtshaustisch wird schnell zum Klassenzimmer.  Kollektive Muster wiederholen sich, nur reifer, zivilisierter, gezügelter. Damit Altes stärker hervorbricht und aus dem zivilisatorischen Korsett entsteigt, braucht es dann doch den Konsum von Alkohol, dem viele mittlerweile wieder abgeschworen haben.

Die Lauten sind laut geblieben, die Leisen leise. Vielleicht trägt der alte Bully, so es einen gegeben hat, immer noch negative Energien in sich. Manche Menschen verbreiten immer noch dieselbe Aura. Der erste oder ein früher Partner hat mittlerweile vielleicht geheiratet oder gar Kinder bekommen. Im Spiegel der Zeit bleibt oft die Verwunderung über die großen Unterschiede oder die eigene Naivität. Es soll Paare geben, die ewig zusammenbleiben wollten. Manche High School-sweethearts haben das auch wirklich getan.  Vielleicht tritt manch verborgene Geschichte nun, wo genug Zeig vergangen ist, mit einem Male hervor. Jetzt kann man darüber ja lachen. Zeit bringt Gelassenheit.

Woran man sich erinnert

Ab 50 setzt der sogenannte Reminiszenz-Effekt ein, man erinnert sich besonders stark an die Zeit von 15 und 25. In dieser Lebensphase macht man nun einmal viele Dinge zum ersten Mal, sie ist damit ihrem Wesen nach insgesamt aufregender als das Erwachsensein.  Was von der Zeit ab ca. 30 bleibt, sind die einschneidenden Erinnerungen, nicht aber die Stunden im Büro oder bei sonstigen Routinehandlungen. Irgendwie ernüchternd. Aber auch irgendwie befreiend.

Klassentreffen bedeutet demgemäß kollektives Erinnern. Jedem seine Erinnerung. Was der eine vergessen hat, weiß die andere noch ganz genau. Wobei die Sache sich so nicht abgespielt haben muss. Bei unserer Autobiographie handelt es sich, um es mit Douwe Draaisma von der Universität Groningen zu sagen, um einen „Internet-Fortsetzungsroman […], der ständig grundlegend überarbeitet wird, und zwar sowohl von anderen, wie zum Beispiel deiner Mutter („Früher hattest du immer Spaß am Basteln, ich weiß das ganz genau!“), aber natürlich vor allem von einem selbst, weil sich die Geschichte, die man erzählen will, geändert hat. Und das Perfide ist: Wir merken das noch nicht mal. […] Unsere Erinnerungen sind unzuverlässig, manipulierbar, trügerisch. Aber wir haben nichts anderes, um unsere Geschichte zu erzählen, und die ist wahr. Und die Geschichte, die wir übermorgen ganz anders erzählen, wird auch wahr sein. Genauso, wie die Geschichten der anderen wahr sind.“

Zeugen unseres Lebens

So trägt man nun beim Klassentreffen gemeinsam das Damals zusammen. Wird überrascht, was man hört, hat Dinge vielleicht ähnlich bis gleich erlebt oder gänzlich unterschiedlich. Aber man begegnet einander. Ehemalige Schulkollegen sind nun einmal Teil einer der einschneidendsten und bis ins hohe Alter am stärksten in Erinnerung bleibenden Lebensphasen. Mag später auch noch so viel passieren, verzerrt erscheinen, belasten und erfreuen – sie waren auch da und wurden in derselben Zeit maßgeblich geprägt. Um es mit ein wenig Pathos zu sagen: Sie sind Zeugen unseres Lebens.

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