Momo 2.0

Kennt ihr Momo noch? Das Mädchen mit den strubbeligen Haaren, das so gut zuhört, dass die Leute sich danach besser fühlen, ehe die grauen Männer kommen? Es ist ein schönes Buch. Man kann es auch als Erwachsener lesen. Es passt wohl besser in unsere Zeit denn je.

Vielleicht sollte man überhaupt mehr Kinderbücher lesen. Auch wenn man nicht mehr unter das Zielpublikum fällt. Wo sonst findet man ganz banale und gerade deswegen oft in Vergessenheit geratende elementare Grunderkenntnisse des Lebens so schön verpackt?

Bei Momo geht es, für alle, die sich nicht mehr erinnern oder das Buch nie gelesen haben (sofort nachholen!), um die Zeit. Momo hat viel davon und schenkt sie anderen, indem sie ihnen zuhört wie niemand anders. Nach und nach kommen immer mehr Menschen, um mit ihr zu reden, sie fühlen sich wohl in ihrer Gegenwart. Sehr zum Missfallen der „grauen Herren“, die das Ziel verfolgen, den Menschen ihre Zeit zu stehlen. Nach und nach bekommt Momo immer weniger Besuch, weil die Menschen wenig bis keine Zeit haben („Zeit hat man nicht, man nimmt sie sich); was folgt, ist ein mystischer Kampf um die Zeit und um die Menschen als solche.

Wäre Michael Ende noch am Leben, könnte er heute wohl einen zweiten Teil schreiben. Denn die grauen Herren sind zurück und haben sich neu augestattet. Neben dem Streben nach Ruhm oder Reichtum und dem damit einhergehenden allgemeinen Effizienzdenken haben sie jetzt neue Technologien in ihren Koffern. Smartphones, Netflix, Amazon Primze oder, ganz allgemein, das Internet. Neue Zeitfresser, die einen davon abhalten, den „Duft der Zeit“ (Byung-Chul Han) einzuatmen. „Verweile doch! Du bist so schön!“ heißt es in Faust I (wobei Goethe damit übrigens nicht zum Verweilen aufgerufen hat, sondern vielmehr dagegen(!); zentral ist es für ihn doch immer noch, weiterzustreben, („Wer immer strebend sich bemüht, Den können wir erlösen“)).

Wir verweilen nicht, jedenfalls nicht leicht. Wir leben weniger als wir vegetieren. Wenn wir warten, blicken wir aufs Smartphone. Aus Angst, etwa zu verpassen, aus dem Druck, allinformiert zu sein, weil eine Nachricht Glückshormone freisetzt oder weil es uns im Zeitalter der Beklemmung ein Gefühl von Sicherheit in vermittelt.

Darum könnte es in Momo 2.0 gehen. Um die kleinen verlockenden Geräte, die die grauen Herren bei ihrer Rückkehr freigiebig verteilen und überall anpreisen. Um Netflix-Accounts, Amazon Fire-Sticks und Chromecasts. Und darum, wie Momo einmal mehr ihre Freunde verliert. Weil einige lieber daheimbleiben um bingewatching zu betreiben. Einige kommen weiterhin, blicken jedoch unentwegt auf ihre Smartphones, während sie mit ihr reden. Und die Kinder verlernen das freie, fantasiegetränkte Spiel nicht, weil man sie dazu zwingt, sondern weil ihre Smartphones voller Apps sind.

Momo würde ein neues Abenteuer erleben, mit neuen Herausforderungen und neuen Lösungen. Sie wäre ein wenig älter (wohl im Teenager-Alter oder ihren frühen 20ern), ebenso wie Meister Hora, der nun noch mehr Falten hat und die Schildkröte, die nun noch langsamer kriecht. Was aber auch notwendig wäre, denn die Zeit ist noch schnelllebiger geworden. Schade, dass Michael Ende keinen zweiten Teil schreiben wird. Vorstellen kann man ihn sich dennoch. Das wäre wohl auch ganz in seinem Sinne.

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