Die Trudeau-Apotheose

Der Hype um den kanadischen Premierminister Justin Trudeau hat wohl auch psychologische Gründe: In hiesigen Breiten sehnen sich wohl so einige nach einem liberalen Polit-Übermenschen.

Jeden Tag bekomme ich eine Mail mit „Staff Picks“, also ausgewählten Artikel vom Blendle-Team. Das ist schon was Feines, man bekommt einen guten Querschnitt dessen, was gerade als anklickenswert empfunden wird. Zeitgeist per Mail. Dazu die oft genug reißerischen und gerne auch verkürzenden Beschreibungen vom Blendle-Team. So wird ein Artikel über Justin Trudeau im Focus angepriesen:

„Groß, athletisch, wahnsinnig sympathisch – Justin Trudeau ist Kanadas „Mr. Cool“ (und Premierminister). Außerdem bezeichnet er sich selbst als Feminist, engagiert sich für Klima- und Umweltschutz und setrzt sich für die Legalisierung von Marihuana ein. nach diesem tollen Porträt von „Kanadas Kennedy“ wollten wir direkt auswandern“

69 Cent später habe ich den Beitrag gelesen. Das Porträt im Focus ist zwar weniger reißerisch als die Blendle-Beschreibung, aber durchwegs positiv: Seine interessante Vita wird skizziert, von einem „Beau“ ist die Rede,  von einem besonnen Politiker. Weltoffen, liberal und optimistisch. Es passt zu dem, was ich sonst so von ihm mitbekommen habe. Seine Teilnahme in einem Boxkampf für den guten Zweck, die Bilder mit den Pandababies auf dem Schoß oder als er syrische Flüchtlinge in Kanada persönlich empfängt.

Trump vs. Trudeau

Seit der Wahl von Donald Trump hat der Hype um Trudeau ein neues Level erreicht. Die beiden eignen sich auch einfach zu gut als Gegenentwürfe: Gut und Böse, Trump als Sauron (der Oberbösewicht aus Herr der Ringe, falls ihn wer nicht kennt), Trudeau als Mischung aus allen Helden, die gegen ihn ankämpfen (Sauron hat ja keinen direkten Gegenspieler).

Ein Trudeau der Träume

Vor allem in der deutschen Medienwelt gibt es anscheinend eine kollektive Sehnsucht nach einem Trudeau. Nach einem sachlich-nüchternen sympathischen Politiker, der diversity ebenso lebt wie Menschenrechte. Ein Leuchtturm in dunklen Zeiten um sich greifender Verunsicherung.

Dabei geht es auch gar nicht so sehr darum, was Trudeau konkret macht und wie die Kanadier selbst ihn sehen (wer weiß das schon, das Interesse an kanadischer Innen- und Außenpolitik dürfte in Deutschland und Österreich allgemein nicht so groß sein). Ob Trudeau wirklich der Trudeau ist, als der er porträtiert wird. Er ist schließlich eine Projektionsfläche für Sehnsüchte: „Der Premier der Träume“, wie der Focus so bezeichnend titelte.

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