Eine Leseliste

Ihr kennt das vermutlich: Man liest und liest und irgendwann weiß man kaum noch, was in diesem und jenem Buch eigentlich konkret gestanden ist. Dann ist es Zeit für eine Leseliste. Für sich selbst, um gegen das Vergessen anzukämpfen, und als Literaturempfehlungen für andere.

Daher eine Kurzzusammenfassung von drei Büchern meiner letzten (Lese-)Monate:

  • Shadi Hamid, Islamic Exceptionalism. How the Struggle over Islam is Reshaping the World 

Hamids Buch befasst sich mit dem inneren Wandel des Islam (wobei er die einzelnen Strömungen nicht weiter unterteilt, insbesondere die Schiiten bleiben außen vor). Dabei hat er eine Kernaussage: Der politische Islam hat eine Sonderstellung. Er ist in der  Tat anders. Vergleiche zum Christentum und den frommen Wunsch nach einer islamischen Reformation lehnt Hamid ab; insbesondere hatte das Christentum aufgrund der anderen Ausgangslage keine genuine politische Strategie, kein politisches Programm. Daher standen sich Staat und Kirche auch gegenüber, während sie beim politischen Islam verschmolzen sind.

Davon abgesehen ist der politische Islam ein Kind der Moderne, kein Gegenentwurf. Seine Vertreter lehnen den Staat nicht ab, sondern möchten innerhalb bestehender Strukturen arbeiten beziehungsweise sie übernehmen. Sie haben kein eigenständiges Staatsmodell entwickelt – ein Mitgrund, weshalb der „Islamische Staat“ als Idee so erfolgreich war und ist: Als Wiederbelebung der im islamischen Raum weit verbreiteten Sehnsucht nach dem Kalifat. Außerdem betont Hamid, dass die unterschiedlichen Gruppierungen nicht als quasi-monolithischer Block gesehen werden können (wie das etwa Kissinger in seinem „World Order“ getan hat). Die AKP in der Türkei, die Moslembrüder in Ägypten oder  Ennahda (alle drei werden gesondert dargestellt) haben allesamt unterschiedliche Ausgangslagen. Gemein ist ihnen das Operieren innerhalb des bestehenden Systems und die Idee der graduellen Veränderung. Dabei können islamische und islamistische Parteien auf den Rückhalt der Bevölkerung bauen: Der Gedanke Islam vs. Demokratie ist insofern klar verfehlt: Der politische Islam baut vielmehr auf die Demokratie im Sinne der Zustimmung der Massen.

  • Philippe Sands, East West Street

Sands ist einer der ganz großen Name des Völkerrechts, der auch immer wieder genuin-politisch publiziert. In East West Street verflechtet er seine eigene (jüdische) Familiengeschichte mit den Biographien von Hersch Lauterpacht (einem, wenn nicht dem großen Vordenker der modernen Menschenrechte), Raphael Lemkin (dem „Erfinder“ des Konzepts des Völkermords) und Hans Frank, Generalgouverneur von Polen während der NS-Zeit. Ausgangspunkt ist dabei Lemberg (sowohl Lauterpacht als auch Lemkin haben dort studiert), von wo aus er sich auf die akribische Suche nach Menschen begibt, die im Leben seiner Großeltern eine Rolle gespielt haben. Die Reise führt in unter anderem nach Wien, Long Island oder ans Gericht von Nürnberg.

Dabei erarbeitet Sands unter anderem die große juristische Frage zwischen Einzel- und Gruppenrechten und den Gegensatz zwischen Verbrechen gegen die Menschlichkeit (individuenbezogen) und Genozid:

By focusing on the individual, not the group, Lauterpacht wanted to diminish the force of intergroup conflict. It was a rational, enlightened view, and also an idealistic one. The counterargument was put most strongly by Lemkin. Not opposed to individual rights, he nevertheless believed that an excessive focus on individuals was naive, that ignored the reality of conflict and violence: indivudals were targeted because they were members of a particular group, not because of their individual qualities. For Lemkin, the law must reflect true motive and real intent, the forces that explain why certain individuals—from certain target groups—were killed. For Lemkin, the focus on groups was the practical approach. Despite their common origins, and the shared desire for an effective approach, Lauterpacht and Lemkin were sharply divided as to the solutions they proposed to a big question: How could the law help to prevent mass killing? Protect the individual, says Lauterpacht. Protecht the group, says Lemkin.

  • Fareed Zakaria, The Post-American World

Zakarias Buch stammt zwar bereits von 2008 (ich habe es auch schon vor längerem gelesen und nun erneut zur Hand genommen), ist in Zeiten von Donald Trump und der Konfrontation mit China aber relevanter denn je: Es geht um nichts weniger als den US-amerikanischen Bedeutungsverlust und die Re-Orientierung ihrer Außenpolitik („uni-multipolarity“, wie Samuel Huntington es nannte); Counterterrorism, China als Kontrahent, Indien als Partner? Wird die Welt in Zukunft nicht-westlich dominiert und was bedeutet das für die globale Kultur? Dabei hat Zakaria auch den bereits unter Obama vollzogenen Schwenk weg vom Nahen und Mittleren Osten und die Grenzen US-amerikanischer Außenpolitik beschrieben:

America may be more powerful than Britain was, but it still cannot neglect the lesson that it must make choices. It cannot be involved in everything. […] Every choice to engage in some cause, worthy as it is, is a distraction from the larger strategic issues that confront the United States. In focusing on the seemingly urgent, we will forget the truly important. […] the search for a superpower solution to every problem may be futile and unnecessary. Smaller work-arounds might be just as effective.

  • Haruki Murakami, Naokos Lächeln

Wenn man mal ein paar Murakami-Bücher gelesen hat, kommt irgendwann der Punkt, an dem man sich fragt, ob man alle lesen sollte (insbesondere Kafka am Strand fehlt mir noch). Nachdem Naokos Lächeln jedenfalls in meinem Umfeld am öftesten gelesen wurde, wollte ich mir wenigstens dieses eine noch gönnen; umso mehr, als es sich um ein Geschenk handelt und geschenkte Bücher gehören gelesen (nochmals danke an dieser Stelle)! Naokos Lächeln ist weniger experimentell bis halbkafkaesk (man nenne es murakamisch) als IQ84 oder die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki. Ich persönlich war etwas enttäuscht, die Handlung plätschert vor sich hin und irgendwas fehlt (eben das Murakamische). Eine Passage hat sich aber eingebrannt und verdient es, zitiert zu werden:

„>>Der Tod existiert nicht als das Gegenteil des Lebens, sondern ist ein Bestandteil desselben.<< So lautet die unumstößliche Wahrheit des Lebens. Indem wir Leben, züchten wie gleichzeitig unseren Tod heran. Doch in dieser Erkenntnis liegt nur ein Teil der Wahrheit, mit der wir uns abfinden müssen. […] Ich lernte, dass nicht die wahrste Wahrheit den Schmerz zu lindern vermag, den wir beim Verlust eines geliebten Menschen empfinden. Weder Erkenntnis, noch Aufrichtigkeit, noch Kraft, noch Güte können diesen Kummer heilen. Wir können ihn nur durchleiden und etwas daraus lernen. Doch das, was wir daraus lernen, hilft uns nicht beim nächsten Kummer, der uns ohne Vorankündigung überfällt. Einsam den nächtlichen Wellen und dem Rauschen des Windes lauschend, hing ich Tag um Tag meinen düsteren Gedanken nach. Ich ernährte mich von Whiskey, Wasser udn Brot und wanderte mit Sand in den Haaren und meinem Rucksack auf dem Rücken immer weiter die Küste nach Westen entlang.

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