Türkei-Referendum: Nein-Demo auf der Mariahilferstraße

Heute hat eine kleine Versammlung gegen das Türkeireferendum protestiert. Die meisten Teilnehmer waren Kurden. Ich habe die Gelegenheit genutzt, und mich mit ein paar von ihnen, aber auch mit türkischen Erdoganunterstützern zu unterhalten.

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Demonstrationen sind eine gute Gelegenheit, mit fremden Menschen und ihre Anliegen ins Gespräch zu kommen. Sie erfüllen ja wesensnotwendig den Zweck, eine breitere Aufmerksamkeit erreichen zu wollen.

Insofern hat sich die „Nein“-Kundgebung regelrecht aufgedrängt. Oft genug wird ja gefragt, wo die Türken sind, die gegen das Referendum oder überhaupt gegen Erdogan sind. Keine Frage, da musste ich von meinem Rad absteigen und mir das ansehen.

Kurden und Asyl in Not

Wie sich schnell herausstellte, waren hier jedoch vornehmlich Kurden, wie mir ein Herr versicherte, der neben einem „Die Ein-Mann-Diktatur“-Plakat stand. Auf dem Podium spricht Michael Genner von Asyl in Not, auch einige wenige Linke sind im Publikum. „Türken sind schon auch da, aber nur Aleviten.“ Unwohl fühlt er sich nicht, wie er mir versichert. Er müsse schon seit Jahren damit Leben, dass Erdogan in Österreich ein Spitzelsystem errichtet habe. Die Verhaftungen von österreichisch-türkischen Staatsbürgern in der Türkei bereiten ihm jedoch Sorge. Außerdem betont er, dass „westliche Mächte“ Erdogan an die Macht gebracht haben und ihn dort behalten wollen. Entgegen der Aussagen arbeite man ja immer noch mit ihm zusammen. Wenig verwunderlich, dass er keiner österreichischen Partei vertraut: Auch von Kurz glaubt er, dass er „nur Politik macht“, ebenso will die FPÖ keine Lösung, sondern nur Angst machen.

Meine nächsten Gesprächspartner stehen etwas weiter im Abseits; wie sich herausstellt, zwei junge Türken. Kiebitze, keine Demo-Teilnehmer. Sie sind mit 13 beziehungsweise 15 nach Österreich gekommen und werden für das Referendum abstimmen, „weil sie pro-Erdogan sind.“ Dass die „Nein“-Plakate auf Deutsch und Türkisch sind, stößt einem von ihnen sauer auf: Als sie herkamen, war nicht alles auf Türkisch. Daher vermuten sie einen größeren Komplott, hinter dem derzeitigen Streit zwischen Österreich und der Türkei. Er sei auch gar nicht böse auf Kurz, der sei nur ein Politiker, die wahren Schuldigen sähe man in der Öffentlichkeit nicht. Allzu konkret wollte er sich dann jedoch doch nicht äußern. „Vielleicht die USA.“ In seiner Arbeit habe er daher keine Probleme mit seinen österreichischen Arbeitskollegen. Auch die Kopftuchdebatte sorgt für Unmut. Das gehe niemanden etwas an, wieso dürfe ein Arbeitgeber das Kopftuch verbieten? „Warum macht er mir das Leben schwer? Was, wenn meine Frau mit Kopftuch auf der Straße geht?“ Er gibt auch an, dass er sich um ihre Sicherheit auf der Straße sorge wegen der aktuellen Stimme.

Zuletzt unterhalte ich mich mit einer Gruppe junger Kurden. Sie sind anfangs recht skeptisch; „was bist du?“, aber nachdem ich mich vorstelle und allen die Hand gebe bricht das Eis doch recht schnell. Sie sind „natürlich“ gegen Erdogan. Angst haben sie nicht, dazu sind sie „zu gut organisiert, und das wissen die.“ Bis auf einen, der „Kurdistan“ als sein Geburtsland nennt, sind sie allesamt in Österreich geboren, sie dürfen beim Referendum auch nicht abstimmen. Von Kurz halten sie viel, auch die Grünen und Berivan Aslan finden sie gut, ebenso Dönmez, aber „von dem wird nichts kommen.“ Ein wichtiges Thema ist der Konflikt in der Osttürkei, Erdogan als Feind der Kurden.

Ein kleines Fazit

Einmal mehr: Hier geht es um Kollektive und Narrative, hier wird in Gruppen gedacht. Kurden, Türken, Österreicher. Respekt, angefangen vom simplen Händeschütteln beim Begrüßen und Verabschieden, ist zentral. Die Menschen wollen gehört werden, wenn man ihnen Aufmerksamkeit schenkt, haben sie viel zu sagen.

Zweitens: Verschwörungstheorien können anscheinend auch eine friedensstiftende Wirkung entfalten: Wenn österreichische Politiker nur als Marionetten wahrgenommen werden und die wahren Schuldigen hinter den Kulissen die Fäden ziehen, macht man „die Österreicher“ auch nicht verantwortlich. Der Sündenbock ist dann ein anderer (man kann ahnen, wer).

Zuletzt einmal mehr das Kopftuch: Die Debatte rund um dieses Thema wird als Angriff auf Türken und ihre Kultur wahrgenommen. Die Entscheidung, einer Frau das Tragen eines Kopftuchs am Arbeitsplatz zu verbieten, gilt als massiver Eingriff, gar als Zwang. Da kann man die Privatautonomie auch noch so sehr betonen, dieses Bild dürfte man nur schwer aus den Köpfen bekommen. Es geht um mehr als nur ein Stück Stoff.

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