Kurz vs. Kern, Meidling gegen Simmering

Christian Kern hat heute auf Facebook ein ziemlich emotionales und persönliches Video veröffentlicht. In der postdemokratischen (Colin Crouch) Politainment (Neil Postman)-Politikwelt dominieren Inszenierung und Emotionalisierung. Beim Streben nach der Kanzlerschaft geht es letztlich auch um die Balance zwischen Volksnähe (Kern) und politischem Leadership (Kern und Kurz).

Christian Kern beschreitet den Weg der ostentativen Empathie für Wähler-Archetypen weiter fort. Nachdem er bei seiner Rede in Wels noch eine Friseurin ins Feld führte, geht es in seinem letzten Video um ihn selbst. Christian Kern und seine Jugend in Simmering. Christian Kern, der aus einfachen Verhältnissen stammt (aus der Misik-Jubelbiographie wissen wir, dass sein Vater Taxler war). Christian Kern, der halbironisch von seinem gescheiterten Wunsch erzählt, Profifußballer zu werden (hatten wir den nicht alle?). Der immer noch gaberl’n kann und das österreichische Nationalteam anfeuert. Christian Kern, ehemaliger alleinerziehender Vater. Christian Kern, einer von uns: Eine Handschrift, die man bereits aus dem (Präsidentschafts-)Wahlvideo von Rudolf Hundstorfer kennt.

Sebastian Kurz bekommt im Umkehrschluss, das muss man gar nicht an- oder aussprechen, das Kainsmal der Bürgerferne umgehängt. Die Rolle des Mannes aus dem Volk ist besetzt, er hätte sie aber ohnehin niemals an sich reißen können. Bei vielen hat sich das Bild vom jungen Snob mit Gelfrisur einzementiert. Als Sebastian Kurz unlängst in einem Interview mit der Krone davon erzählte, in der Politik „härtere Phasen als andere“ erlebt zu haben, setzte es hämische Kommentare.

Einer von ihnen?

Am Ende des Tages könnte ein solches Image, das in den nächsten Monaten von Seiten der  politischen Konkurrenz wohl weiter bedient werden dürfte, allerdings nur eine geringe Rolle spielen. Zum einen erscheint es durchaus möglich, dass Christian Kerns Strategie nicht aufgeht. Auch Rudolf Hundstorfers Slogan „einer von uns“ wurde letztlich eher als „einer von ihnen“ (der SPÖ oder gar „der Elite“) wahrgenommen. Der SPÖ ist die Arbeiterschaft bekanntlich über weite Strecken abhandengekommen (eine Entwicklung, die mit der Vranitzky-„Nadelstreifen-Sozialisten“-Ära eingesetzt hat). Gut möglich, dass Christian Kerns Arbeiter-Folklore mitsamt Bruno Kreisky-Ehrerbietung vielmehr die sagenumwobene Mittelschicht im Blick hat. Womit sich die Frage stellt, wie viele ihrer Angehöriger sich hinreichend angesprochen fühlen. Solidarität sozialdemokratischer Prägung hat viel von ihrer Anziehungskraft eingebüßt.

Zum anderen – und um einiges wesentlicher – ist (inszenierte oder tatsächliche) Volks- beziehungsweise Bürgernähe nur einer von mehreren Faktoren, dem obendrein keine entscheidende Bedeutung zukommt. Anders gesagt: Sebastian Kurz wird nicht gewählt, weil er so wirkt, als ob er die Sorgen und Lebensrealitäten der Menschen, vor allem jene auf den untersten gesellschaftlichen Sprossen kennt.

Einmal  noch zum Phänomen Kurz

Vielmehr gilt er in der öffentlichen Wahrnehmung als jener, der zuerst den Ernst der Lage erkannt und einen politischen Schwenk vollzogen hat. Während Werner Faymann im schicksalhaften Herbst des Jahres 2015 noch als verlängerter Arm von Angela Merkel fungiert haben soll, hat Sebastian Kurz sich emanzipiert: Die weitverbreiteten Ängste und Sorgen davor angesprochen, wie man die vielen muslimischen Flüchtlinge und Asylwerber integrieren soll (genau genommen jene, die stark religiös geprägt und zugleich nur schlecht bis gar nicht ausgebildet sind).  Das heikle Thema des politischen Islam angesprochen. Damit einhergehend die darüberstehende Frage, wie Österreich sich langfristig entwickeln soll, wenn der Sozialstaat nicht von innen, sondern von außen bedroht wird. Garniert wird das Bild damit, dass Kurz der Türkei die Stirn bietet und sich als einziger in der EU gegen einen EU-Beitritt stellt. Und all das tut er nicht mit der Brachial-Rhetorik im Stile eines H.C. Strache, sondern bemüht-sachlich und bisweilen angestrengt-ruhig. Strache, der sich mittlerweile in staatsmännischem Auftreten versucht, bringt das „I told you so“ in Sachen Integration und alles was mit dem Islam zu tun hat herzlich wenig. Kurz wirkt, als könnte umsetzen, was ein Strache nur ansprechen kann.

Da darf man auch ein Snob sein. Sofern die Politik stimmt, schadet eine solche Zuschreibung gar nicht. Des einen Snob ist des anderen Staatsmann. Vielleicht verleiht es ihm sogar eine Aura von Kompetenz und dem, was man als „Leadership“ bezeichnet. Genau jenes Leadership, das man eigentlich Christian Kern zuschreibt. Wir werden wohl noch so einige Videos sehen.

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