Smartphones: Schreiben Sie noch oder telefonieren Sie schon? Zur Genealogie des Mobiltelefons

Sie kennen das vielleicht: Manchmal schreibt man ewig via WhatsApp anstatt kurz zu sprechen. Haben wir das Kommunizieren verlernt? Und wann genau haben wir mit dem Telefonieren aufgehört?

Man kann Freunde ja auf unterschiedliche Arten und Weisen kategorisieren: Danach, wie lange man sie kennt, wie gut man sie kennt, woher man sie kennt. Schulfreunde, Freunde aus dem Sportverein, (ehemalige) Arbeitskollegen, die zu Freunden werden, Freunde, die man über gemeinsame Freunde kennengelernt hat.

Die Intensität einer Freundschaft zeigt sich auch nach dem damit einhergehendem Kontaktverhalten: Manche könnte man zu jeder Tages- und Nachtzeit anrufen, damit sie einen aus einer misslichen Lage helfen oder einfach nur mit einem reden. Mit manchen telefoniert man regelmäßig, mit anderen kommuniziert man wiederum hauptsächlich via WhatsApp.

Das Ende der Telefonie

Irgendwann haben wir damit aufgehört, zu telefonieren. Schreiben ist auch einfacher. Das kann man nebenbei erledigen und man erspart sich manch unangenehmes Gespräch. Sei es, weil der Anfang gar holprig ist, sei es wegen allfälliger Gesprächspausen („uncomfortable silence can be so loud“ singt Madonna in Miles away) oder der Schwierigkeit, es wieder zu beenden.

Telefonieren back in the days

Telefonieren war und ist oft genug nicht ganz einfach. In der Festnetz-Ära wusste man nie, wer rangeht. Ein Elternteil von einem Freund? Die Schwester, der Bruder? „Ist der oder die XYZ da“ lautete es dann, gefolgt von einem „XYZ! Für dich.“ Alles zu Lasten der Privatsphäre, das Telefon war schließlich im Regelfall im Wohnzimmer oder an einem sonstigen zentralen Ort. Erst die Schnurlostelefone sollten hier Abhilfe schaffen.

In ganz jungen Jahren war das freilich nicht so wichtig, die Gespräche kurz, zumeist ging es darum, sich einen Zeitpunkt für ein Treffen im Park oder einen Besuch auszumachen. Fußballspielen oder Videospiele im Kinderzimmer, livin‘ the life als Achtjähriger. Die besonders dreisten haben auch mal eben bei der Gegensprechanlage angeläutet. Ganz ohne Ankündigung.

Mit Einsetzen der Pubertät konnte das schon komplexer werden. Wenn erste zaghafte Liebeleien oder Verliebtheiten im Spiel waren, hat das Herz gerne mal schon vor Wählen der Nummer (ob per Tastendruck oder gar noch mit der Wählscheibe) schneller geschlagen. Mit dem Tutgeräusch dann noch einmal schneller und wenn ein Elternteil abgehoben hat (insbesondere bei Vätern) konnte schon einmal die Stimme brechen. Da war die Frage, ob die XYZ da ist, um einiges unangenehmer.

Der Siegeszug der Handys

Das ist heute freilich anders. Wenn man heute potentielle Partner kennenlernt, tastet man sich zunächst per WhatsApp und dergleichen ab. Das Profilbild will gut gewählt sein. Anrufen war gestern.

Denn irgendwann sind die Handys gekommen. Davor gab es noch kurz Pager. Die waren schon cool, aber irgendwie auch nicht. Man konnte Nachrichten empfangen aber nicht verschicken (dazu brauchte es dann doch wieder ein Telefon).

Lang haben sich die Pager jedenfalls nicht gehalten, sie wurden von den Motorola, Alcatel oder Ericsson (ohne Sony!)-Handys verdrängt. Mit Antenne, zweifärbigen Bildschirmen und analogen Klingeltönen. Statt Handyvertrag mit Wertkarte (B Free oder Klax Max), die regelmäßig nachgeladen werden wollte; manche waren hier besonder sparsam. Wir alle hatten diesen einen Freund, der nur ganz kurz geklingelt hat, damit man ihn zurückruft und er Guthaben spart.

 SMS schreiben oder anrufen?

Das SMS-Schreiben war aus heutiger Sicht eine Art Vorbote, mit dem parallelen Aufstieg des Internets haben sich zusätzlich Plattformen wie sms.at etabliert. Und bisweilen haben die SMS schon damals dem Gespräch Konkurrenz gemacht. Selbst für Memes und dergleichen gab es Vorläufer (mit den SMS-Zeichen komponierte Bildchen, die vor allem zu Weihnachten oder Ostern verschickt wurden).

Schreibst du noch oder sprichst du schon?

Fast forward zu den Smartphones. Textnachrichten waren gestern, heute kann man neben simplen Worten Fotos, Bilder, Videos oder Voice-Nachrichten verschicken. Telefonie ist zur Ausnahme geworden. Früher bin ich gelaufen, wenn mein Handy geklingelt hat. Heute ist es wie bei so vielen anderen in der Regel lautlos, das gegenseitige Erreichen wird damit oft zum Glücksspiel.

Telefoniert wird, wenn es wirklich dringend ist. Zum Ausmachen von Terminen beim Arzt und für wichtige Gespräche. Fürs Geschäftliche oder zwecks Austausch mit nahestehenden Menschen, oft auch, weil sie weiter weg wohnen.

Der Siegeszug des Geschriebenen liegt, wie gesagt, auch daran, dass Nachrichten schnell nebenbei geschrieben werden können, während ein Gespräch volle Aufmerksamkeit erfordert (manche klicken nebenbei am PC herum und glauben, man würde das nicht bemerken). Wir geben uns immer noch der Illusion des Multitasking hin. Es gibt zu viel, um nur zu sprechen.

Die Rückkehr der Telefonie?

Spätestens, wenn man lieber 10 Minuten hin- und herschreibt anstatt zwei Minuten zu telefonieren (etwa, um sich ein Treffen auszumachen), lässt sich das Nachrichtenschreiben allerdings nicht mehr mit Effizienzdenken begründen. Dann sind wir schon im Habituellen.

Für den Küchenpsychologen erscheint es durchaus möglich, dass die Abwesenheit der Stimme des anderen, die beim Lesen der Nachrichten durch die eigene innere Stimme ersetzt wird, zu verstärkter Einsamkeit führt. Per WhatsApp sind viele da und niemand in der Nähe.

Vielleicht sollte man so gesehen wieder mehr telefonieren. Wobei Telefonie reale Begegnungen freilich nicht ersetzen kann und soll. „Freunde treffen“, so banal es klingt, rangiert immer noch ganz in jedem „Dinge, die zum Wohlbefinden beitragen“-Clickbait-Artikel. Das Smartphone hat dabei übrigens wenig bis keinen Platz. Die gesellschaftliche Emanzipation vom Smartphone steht allerdings vorerst noch aus.

 

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