In the end it doesn’t even matter

Es gibt wohl kaum eine (bewusst oder unbewusst) simpel-philosophischere Textzeile von Linkin Park als den Refrain von „In the End“. Wenn Chester Bennington, der Sänger dieser Zeile, sich das Leben nimmt, ist Camus nicht weit.

Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord. Sich entscheiden, ob das Leben es wert ist, gelebt zu werden oder nicht, heißt auf die Grundfrage der Philosophie antworten. Alles andere – ob die Welt drei Dimensionen hat – kommt später. Das sind Spielereien; erst muss man antworten.

Fraglich, ob und wie viele philosophische Abhandlungen mit ähnlicher Gedankengewalt in ihren Hauptgegenstand einsteigen, ihn regelrecht angreifen. Nach den ersten Zeilen wird man bei Camus und seinem Mythos des Sisyphos jedenfalls nicht unbedingt mit erbaulichem Inhalt rechnen.

Angeblich soll Camus den Existenzialismus jedoch als etwas Positives gedacht und verstanden haben; es, also das Leben an sich und für sich ist absurd, eben sinnlos – aber gerade darin liegt sein befreiendes Moment. Selbst das größte Leid verliert in Relation zum nebulösen größeren Ganzen seine Bedeutung: „Wenn man dies alles – den ganzen Krieg, oder auch das ganze Leben als nur eine Szene im Theater der Unendlichkeit auffasst, ist vieles leichter zu ertragen“ hat Max Beckmann (ein Maler, kein Literat!) in Bezugnahme auf den Ersten Weltkrieg gesagt.

Kein Sinn, nirgends

Die Sinnsuche erübrigt sich somit; fehlgeleitete Energie. Radikaler Gegenentwurf zu Viktor E. Frankl und seiner Logotherapie. Der Mensch ist folglich eben nicht vom „Willen zum Sinn„, der ihn dazu bewegt, „Sinn zu finden und zu erfüllen, aber auch anderem menschlichen Sein in Form eines Du zu begegnen, es zu lieben“ (Viktor E. Frankl, Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn, Piper 1985/2008, S. 101) getrieben, die Sinnsuche ist eben nicht sein Hauptmerkmal.

Wenn der Existenzialist nun um einen Verstorbenen trauert, trauert er um sich selbst. Entweder, weil er einen wertvollen und wichtigen Menschen verloren hat, sein Leben also zwischenmenschlich ent-reichert wurde. Oder weil er seine eigene Vergänglichkeit verdeutlicht bekommt. Wer den Tod anderer mitbekommt, denkt ganz kurz auch an den eigenen – nur allzu gerne folgt postwendend die Flucht in eine der omnipräsenten Ablenkungsgelegenheiten. Was insofern kontraproduktiv ist als der Gedanke an den eigenen Tod paradoxerweise das Wohlbefinden steigert.

Der Existenzialist trauert jedoch nicht um beziehungsweise für oder gar anstelle des Toten. Dem Toten ist sein eigenes Ableben nicht einmal egal, weder fühlt noch denkt er. Er ist schließlich nicht mehr.

Ethik ohne Gott

Das kann man weiter ausdehnen; genau hier liegt die große gesellschaftszersetzende Gefahr des Existenzialismus. „Wenn es keinen Gott gibt, dann ist alles erlaubt.“ lesen wir bei Dostojewski und seinen Brüdern Karamasow. Er führt uns geradewegs in die im Zuge der Anarchismusdebatte des 19. Jahrhunderts aufgeworfene Frage nach einer Ethik ohne Gott – dabei darf man nicht vergessen, dass unser gesamtes Rechtssystem ursprünglich auf einem theologischen Fundament errichtet wurde; die Einhaltung von Regeln verdankte sich vielfach weniger (beziehungsweise nicht nur) der Sorge vor irdischen Sanktionen denn jenen einer letzten – metaphysischen – Instanz: Für Jahrhunderte, „law was felt as something ordained of god, or even as something inherently right in the order of nature“ (Karl Llewellyn, The Bramble Bush, Oxford University Press 1951/2008, S. 41). Was nun, wo das Recht dieses Fundament verloren hat?

Denn im Lichte der Unendlichkeit in Abwesenheit von Transzendenz, am einschlägigsten verdeutlicht durch den Gedanken an ein Leben nach dem Tod, verliert alles unweigerlich seinen Wert. Wer das Glück und Glücksmomente im Auge hat, erfreut sich daran ohne weiterem gedanklichen Zutun. Doch auch jedes Leid relativiert sich auf monströse Art und Weise; um es anschaulich zu machen: heute wären die Opfer unzähliger vergangener Gräueltaten vergangener Jahrhunderte ohnedies verstorben. „In the end it doesn’t even matter“ bedeutet letztlich, dass es weder eine jüngstgerichtliche Bestrafung, noch irgendeine andere ausgleichende Gerechtigkeit gibt. Es gibt einfach nichts.

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