Filmkritik: Der neue Bladerunner

Ich bin kein Cineast (habe nicht mal einen Netflix-Account). Aber man hat ja seine Lieblingsfilme. Der Original-Blade Runner gehört da dazu. Der neue nicht. Ryan Gosling ist einfach kein Blade Runner. Sehenswert ist der Film dennoch.

Vorsicht: Die nachfolgenden Zeilen sind höchst subjektiv.

Ich kann mir nicht helfen. Ryan Gosling ist ein wirklich attraktiver Mann. Aber irgendwas fehlt ihm. Er hat das Charisma, das für unbeholfene Romantikfilme reicht. Aber eben nicht für deepe Charakterrollen.

Das dachte ich mir schon bei Drive. Da ist er auch so bemüht-ernst durch die Gegend getappst. Das ist es vermutlich: Ich habe bei ihm das Gefühl, dass er sich in jeder einzelnen Sekunde Mühe gibt, gut auszusehen. Als hätte er Sorge, auf einem Foto oder einem Screenshot seine Gesichtsmuskeln zu einer doch eher unästhetischen Momentaufnahme zu verziehen. Der hohe Preis dafür: Er wirkt steril und emotionslos. Eine Überdosis Charakterbotox sozusagen.

Attraktivität hat ihren Preis

Schöne Menschen haben es im Leben zwar eigentlich leichter (das ist sogar wissenschaftlich belegt). Aber vielleicht kann man auch zu schön sein: Studien zufolge Wissenschaftler (jaja, ich weiß, die Phrase wird oft bemüht), die zu attraktiv sind, als weniger kompetent wahrgenommen werden.

Vielleicht ist das auch so, wenn Ryan Gosling Rollen wie Blade Runner spielt. Man kauft sie ihm einfach nicht so ganz ab. Und für eine Neuinterpretation (also ein sensibler 2017-Blade Runner) fehlt ihm am Ende des Tages dann doch das schauspielerische Repertoire.

Konstruierte Erinnerungen

Schon der erste Teil hat gekonnt auf der was ist real, was ist konstruiert-Orgel gespielt. Damit war er seiner Zeit voraus. Oder auch nicht, und ich bilde mir das nur aus der heutigen Perspektive ein: Vielleicht hat der Gedanke, dass unsere Realität ein bloßes Konstrukt sein könnte, damals eine noch viel prominentere Rolle eingenommen.

So spielt der Film einmal mehr mit dem Gedanken an eingepflanzte, fremde Erinnerungen: Mittlerweile wissen wir ja, dass die Erinnerung uns mehr täuscht als uns lieb ist. Das Gehirn konstruiert sich seine eigene Vergangenheit im Lichte nachfolgender Erfahrungen und Erlebnisse. Manchmal schafft es sogar Erinnerungen, die sich nie ereignet haben. Wir füllen Lücken im Gedächtnis mit plausiblen Erinnerungserfindungen. Man spricht hier von der Erinnerungsverfälschung. Das kann zu unbewussten beziehungsweise unbeabsichtigten falschen Zeugenaussagen vor Gericht führen oder auch eingebildeten Misshandlungen im Kindheitsalter. Bei Blade Runner läuft das auf eine Art Placebo-Erinnerung hinaus. Die Replicants wissen, dass ihr Erinnerungen nicht echt sind, obwohl sie sich so anfühlen.

Das Atmosphärische

Der neue Blade Runner hat es einigermaßen gut geschafft, das Surreal-Atmosphärische des Originals ins Jahr 2017 zu übersetzen. Mit dröhnend-epochaler Musik, dystopischen Landschaften und einer Stadt, in der man nicht leben möchte. Auch das verlassene Las Vegas mit einem ruckelnden Elvis ist ganz stark. Die großen Zitate und Dialoge fehlen jedoch. Es geht eben doch ncihts über Rutger Hauers Schlusssätze:

I’ve seen things you people wouldn’t believe. Attack ships on fire off the shoulder of Orion. I watched C-beams glitter in the dark near the Tannhauser gate. All those moments will be lost in time… like tears in rain. Time… To die.

Der Bechdel-Test

Noch ein Aspekt sei herausgehoben. Der Film ist ein Kind seiner Zeit, auch im positiven Sinne. Während Harrison Ford Rachael im ersten Film noch dominiert, spielen Frauen in der neuen Version eine wesentlich aktivere Rolle. Als Chefin, als Widersacherin oder Anführerin einer Revolution. Auch der Bechdel-Test (an dieser Stelle ein Dank an Martin S für den Hinweis) wurde bestanden: Damit meint man die Frage, ob in einem Film oder einem Buch zumindest zwei Frauen über etwas anderes sprechen als einen Mann.

Der gute alte Harrison Ford

Harrison Ford muss ja immer öfter als Testimonial für den unweigerlichen Alterungsprozess hinhalten. So auch hier. Er humpelt und seine Schläge sind schwach. Man spielt mit dem Alter. Deckard ist nicht mehr. Das ist das Befremdliche an Filmen: Sie konservieren die physische Konstitution eines Menschen. Ich werde beim ersten Blade Runner immer einen relativ jungen Harrison Ford sehen. Und beim zweiten Teil einen alten. Sobald er verstorben ist, kann ich sein Leinwand-Avatar jederzeit abrufen. Schauspieler haben kein Recht, vergessen zu werden.

Fazit: Zugeständnisse an die Kinokassen?

Ich weiß nicht, wieso man Ryan Gosling gewählt hat. Vielleicht habe ich auch etwas übersehen, und er hat den Blade Runner in der Tat gekonnt neu und sensibler interpretiert als jemanden, der diese Arbeit eigentlich nicht machen will, weil er dazu zu sensibel ist (?). Vielleicht wollten die Produzenten und Financiers auch einfach auf Nummer sicher gehen. Vielleicht laufen die Beratungen in Hollywood ja wirklich so ab:

Regisseur: Der neue Blade Runner wird nicht floppen, ich verspreche es.

Filmmagnat: Versprechen reicht mir nicht. Wir nehmen Ryan Gosling als Blade Runner.

Regisseur: Aber passt die Rolle zu dem? Finden Sie, dass er ein guter Schauspieler ist?

Filmmagnat: Mir egal. Aber dann gehen die Frauen auch schauen. Und wir bieten Pärchen was: Ihr was für’s Auge und ihm Action. Den Jared Leto nehmen wir auch noch, für alle Fälle.

Regisseur: Na gut.

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